Thomas Vollmoeller: Wir sind mehr als das Netzwerk „Xing“

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(c) gettyimages/ViewApart
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Aus der Xing SE wird die New Work SE. Was bedeutet diese Veränderung im Unternehmen und für die HR-Welt? CEO Thomas Vollmoeller im Gespräch mit dem HRM.

Das Unternehmen hatte am 26. Februar die vorläufigen Geschäftszahlen für 2018 vorgelegt. Eine Umsatzsteigerung von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr, lautet die Bilanz. Der Gesamtumsatz stieg auf 235,1 Millionen Euro. Das E-Recruiting erwies sich mit einem Plus von 40 Prozent und einem Umsatz von 108,7 Millionen Euro als Wachstumstreiber. Die Mitgliederzahlen stiegen auf 15,3 Millionen, davon sind 1,03 Millionen zahlende Mitglieder. Der Human Resources Manager hat mit Thomas Vollmoeller gesprochen. Hier kommen Fragen und Antworten.

Herr Vollmoeller, Aus der Xing SE soll die New Work SE werden. Das Echo in der Fachpresse und der HR-Community ist gemischt. Was antworten Sie den Kritikern, die Xing vorwerfen, den Begriff „New Work“ für das Unternehmen zu vereinnahmen?

Thomas Vollmoeller: Es gibt in einer solchen Situation immer Menschen, die das kritisch sehen. Das ist auch völlig legitim. Aber das Thema „New Work“ ist für uns die inhaltliche Klammer für alles, was wir tun. Wir haben uns in den letzten sechs Jahren sehr stark für das Thema „Zukunft der Arbeit“ engagiert. Nehmen Sie den „New Work Award“, die „New Work Experience“, New Work Sessions oder auch das New Work Trendbook – wir haben sehr viel getan, um Plattformen zu etablieren, auf denen Menschen unterschiedlichster Couleur über das Thema diskutieren. Wir behaupten nicht, dass wir diejenigen sind, die alle Antworten für die Zukunft haben. Als Netzwerk haben wir aber den Anspruch, Menschen zusammenzubringen, um an einem so wichtigen Thema zusammen zu arbeiten. Einem Thema übrigens, das unserer Ansicht nach noch viel zu wenig diskutiert wird, wenn man bedenkt, dass die radikalen Veränderungen dessen, was wir ‚Arbeit‘ nennen, einen Einfluss auf unser aller Leben haben, den man kaum überschätzen kann. Wir wollen deshalb auch niemanden aus dem Markt drängen, jede Stimme ist wichtig. Deshalb wünschen wir uns, dass an immer mehr Orten dieser Diskurs geführt wird, aus möglichst vielen Perspektiven.

Bisher hatte ich Xing mit E-Recruiting, mit Arbeitgeberbewertungen und mit Netzwerken in Verbindung gebracht. Nicht mit New Work. Weil ein Unternehmen die „New Work Experience“ ausrichtet, muss es sich nicht notwendigerweise in „New Work SE“ umbenennen. Ändert sich das Geschäftsmodell?

Wir haben uns in den letzten Jahren auch bei unseren Produkten und Services sehr stark für die Idee von New Work engagiert. Uns gefragt, was Menschen brauchen, damit sie gern zur Arbeit gehen, das tun können, was ihnen etwas bedeutet, in einer Umgebung, in der sie wachsen können und geachtet werden – und ihnen entsprechende Angebote gemacht. Für immer mehr Menschen wird auch das Thema „Selbständigkeit“ wichtiger, autonom arbeiten, sein eigener Herr sein. Deshalb haben wir zum Beispiel gerade „Hallo Freelancer“ gelauncht. Wer überlegt, sich selbständig zu machen, hat so eine Plattform, die es ihm viel leichter macht, diesen Schritt zu gehen. Und wer bereits als Freelancer tätig ist, hat einen viel besseren Kontakt zu Auftraggebern, als das bisher der Fall war. Wir werden natürlich auch die New Work Experience fortführen und weiterentwickeln. Das sind nur zwei Beispiele, aber sie illustrieren: Wir sind mittlerweile mehr als das Netzwerk Xing. Deshalb sehen wir den Zeitpunkt gekommen, das auch durch unseren Namen zum Ausdruck zu bringen und alle unsere Angebote unter einem neuen Dach zu vereinen.

Stichwort „Hallo Freelancer“: Zukünftig sollen „über 400.000 Freelancer auf Xing“ in Kontakt zu  Unternehmenskunden treten können. Was wird da passieren, was ist schon passiert?

Die Idee ist, die Freelancer auf Xing mit unseren nach Talenten suchenden Unternehmen zusammen zu bringen. Freelancern geben wir die Möglichkeit, mit spannenden Unternehmen in Kontakt zu treten, sich für deren Talent Pools zu bewerben, mit den Unternehmen in den Dialog zu treten und letztlich die Akquise viel leichter zu machen. Das hilft denen, die heute schon freiberuflich tätig sind, reduziert aber natürlich auch die Schwelle für diejenigen, die mit dieser Lebensweise liebäugeln. Voraussichtlich noch in diesem Quartal werden wir mit dieser nächsten Ausbaustufe live gehen. Die Unternehmen haben dann die Möglichkeit, bei Ausschreibungen erst einmal ihren eigenen Pool an Freelancern zu sichten. Und sie bekommen von uns zusätzlich aktiv weitere passende Freelancer vorgeschlagen.

Was hat den Ausschlag gegeben, sich gerade jetzt in New Work SE umzubenennen?

Mittlerweile arbeitet ein Großteil unserer Mitarbeiter gar nicht mehr für die Marke Xing, sondern für andere Marken unseres Unternehmens. Wir sind heute viel mehr als das Netzwerk und das soll unser Name reflektieren. New Work ist das, was alle unsere Aktivitäten zusammenfasst und eint.

Im Geschäftsbericht 2017 finden sich unter den „Einzelrisiken“ an erster Stelle die Wettbewerber, die „ähnliche Leistungen anbieten wie Xing“. Welche Rolle spielte bei der Entscheidung für die Umfirmierung die Wettbewerbssituation mit LinkedIn?

Die Namensänderung hat nichts mit unserem Wettbewerb zu tun – der übrigens mehr als ein Unternehmen ist. Jede unserer Marken ist in einem anderem Wettbewerbsumfeld aktiv. Worum es uns geht, ist der innere Zusammenhalt all unserer Angebote. Wir wollen die Plattformen anbieten, auf denen sich Menschen zum Thema „Zukunft der Arbeit“ austauschen. Wir haben uns zudem zu einem Ökosystem von „New Work Services“ entwickelt und bieten unseren Kunden damit vielfältige Möglichkeiten an, die Chancen der neuen Arbeitswelt zu ergreifen.

E-Recruiting ist bei Xing der Wachstumstreiber. Welche Rolle spielen die Personaler unter dem Dach der zukünftigen „New Work SE“?

Die Personaler sind sehr wichtige Partner für uns und sie haben sich in den vergangenen Jahren auf den Wandel eingestellt. Die Zeiten von „post & pray“ sind vorbei,  Personalsuche funktioniert heute ganz anders. Sie ist integrativer, kommunikativer und sehr viel mehr auf Augenhöhe. In den Gesprächen mit Personalabteilungen sehen wir, dass genau das auch verlangt wird. Aktive Suche nach Talenten, Kommunikation mit dem Talent Pool, Empfehlungsmanagement: Wir gehen mit den Personalern gemeinsam diesen Weg in die Zukunft. Natürlich auch im Employer Branding. Hier werden wir gemeinsam mit den Personalern neue Angebote erarbeiten.

Ich sehe die Relevanz von Stellenanzeigen im Recruiting der Unternehmen etwas anders. „Post & Pray“ ist in HR durchaus noch sehr beliebt.

Wir bieten deshalb auf unserem Stellenmarkt durchaus auch noch Stellenanzeigen. Aber diese inklusive New Work-Kriterien, damit Kandidaten auch hinter die Kulissen schauen können und wissen, wie gut der Arbeitgeber zu den eigenen Bedürfnissen passt. Aus der Perspektive der Personaler ist die gute alte Stellenanzeige gewissermaßen das „Brot-und-Butter-Geschäft“, aber die allermeisten werden mir zustimmen, wenn ich sage: sie allein reicht bei weitem nicht mehr aus. Zudem bleibt abzuwarten, was Google demnächst bringen wird. Zwischen 60 und 80 Prozent der Suchen nach Jobs fangen dort an.

Stichwort „Google for Jobs“ – die wollten schon länger auf den deutschen Markt…

Wir gehen davon aus, dass Google for Jobs in absehbarer Zeit auch in den deutschsprachigen Raum kommen wird. Wir verfolgen das mit Interesse und fühlen uns gut vorbereitet. Es ist davon auszugehen, dass ein Start den Markt verändern wird und sich die Sichtbarkeit von Stellenanzeigen weiter erhöht. Das ist erstmal gut für die Jobsuchenden, und auch die Unternehmen haben natürlich ein Interesse daran, ihre Stellenanzeigen überall bekannt zu machen. Aber nochmal: die reine Anzeige wird nicht ausreichen. Sie müssen noch viel aktiver auf die immer rarer werdenden Kandidaten zugehen, sich auf ihre Bedürfnisse einstellen, ihre Kultur verändern, das im Employer Branding authentisch kommunizieren und ihre Talent Pools aktiv managen. Das ist moderne Talentsuche.

(c) Xing
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Thomas Vollmoeller ist Chief Executive Officer bei Xing.