Quereinstieg bei Fach­kräften: Eine Chance für Unternehmen

Laut einer Studie wechseln viele Fachkräfte mit Berufsausbildung im Laufe ihres Berufslebens in eine andere Branche. Wie Unternehmen das nutzen können.
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Laut einer Studie wechseln viele Fachkräfte mit Berufsausbildung im Laufe ihres Berufslebens in eine andere Branche. Wie Unternehmen das nutzen können.

Recruiting und Bindung gehören auch bei Fachkräften eng zusammen. Ist die Bindung schwach, steigt das Fluktuationsrisiko. Das sorgt einerseits für mehr Jobsuchende aus anderen Unternehmen auf dem Arbeitsmarkt, aber führt gleichzeitig zu mehr Vakanzen im eigenen Unternehmen. In der aktuellen Studie „Wechseln oder bleiben?“ hat meinestadt.de das Wechselverhältnis der beiden Faktoren untersucht und aufgedeckt, dass in vielen Branchen Quereinsteiger:innen den Unterschied im War for Talent um Fachkräfte machen könnten. Für die Studie hat das Marktforschungsinstitut Respondi 2.000 Fachkräfte mit Berufsausbildung befragt.

Schwache Arbeitgeberbindung und Bindungsfaktoren

57,2 Prozent der Fachkräfte glauben, sich den Job aufgrund ihrer Qualifikation oder Erfahrung aktuell aussuchen zu können. Die öffentliche Diskussion um den Fachkräftemangel ist überall angekommen. Fachkräfte wissen um den eigenen Marktwert, gleichzeitig fühlen sich nur 29,1 Prozent ihrem Arbeitgeber „sehr verbunden“. Das Zusammenspiel beider Faktoren lässt eine hohe Fluktuationswelle nach der Pandemie vermuten. Wie können Arbeitgeber sich auf dieses Szenario vorbereiten?

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Wichtig ist, dass sie das Thema Mitarbeiterbindung ernst nehmen. Welche Faktoren sind Fachkräften dafür besonders wichtig und wie zufrieden sind sie damit bei ihrem aktuellen Arbeitgeber? Faktoren, die hoch priorisiert werden und in der Praxis auf eine geringe Zufriedenheit stoßen, versprechen ein besonders gutes Potenzial für die Bindung (siehe Tabelle).


Kriterium Anteil „sehr wichtig“ für die Bindung Anteil „sehr zufrieden“ in der Praxis
Vorgesetztenverhalten 71,3 % 34,6 %
Vereinbarkeit Beruf-Privat 71,3 % 42,5 %
Gehalt 66,9 % 19,9 %

Auch für Fachkräfte gilt: Sie verlassen nicht das Unternehmen, sondern ihre Vorgesetzten. Betriebe, die in eine gute Führungskultur investieren, tun damit sehr viel für ihre Mitarbeiterbindung.

Neben gutem Vorgesetztenverhalten ist Fachkräften die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Privatleben sehr wichtig für die Bindung. Doch um die Zufriedenheit in der Praxis ist es weniger gut bestellt: Obwohl der Anteil der Zufriedenen hier etwas höher liegt als beim Faktor Führung, sind nur 42,5 Prozent der Fachkräfte wirklich zufrieden mit ihrer Work-Life-Balance. In der Pflege finden sogar 76,7 Prozent die Work-Life Balance sehr wichtig, aber nur 28,9 Prozent sind damit aktuell sehr zufrieden.

Branchenübergreifend finden mehr als zwei Drittel der Fachkräfte das Gehalt als Faktor für die Mitarbeiterbindung sehr wichtig. Doch nur 19,9 Prozent sind mit ihrem aktuellen Gehalt sehr zufrieden, 26,2 Prozent sogar unzufrieden. Das heißt, bei über einem Viertel der Fachkräfte könnte ein erhöhtes Fluktuationsrisiko bestehen. Im Handel (33,8 Prozent) und in der Pflege (30,5 Prozent) sind besonders viele Fachkräfte mit ihrer Vergütung unzufrieden. Fachkräfte-Arbeitgebern ist hier dringend zu empfehlen, die eigene Marktfitness zu überprüfen, bevor die nächste Fluktuationswelle anrollt.

Quereinsteiger:innen als Bindungsrisiko und Chance fürs Recruiting

„Bist du im Laufe deines Berufslebens in ein neues Betätigungsfeld gewechselt, ohne für diesen Beruf oder die Branche eine Berufsausbildung absolviert zu haben?“ Immerhin 41,5 Prozent der Fachkräfte beantworten diese Frage mit „Ja“. Von denjenigen ohne Quereinstieg-Erfahrungen, kann sich zudem über die Hälfte vorstellen, den Schritt zu gehen und das gewohnte berufliche Terrain zu verlassen. Quereinstiege sind unter Fachkräften eher die Regel als die Ausnahme und haben ganz unterschiedliche Gesichter, wie die zahlreichen Erfahrungsberichte der Personen, die an der Umfrage teilgenommen haben, zeigen.

„Als gelernter Hotelfachmann bin ich ins Gesundheitswesen gewechselt und arbeite seither in einer Dentalklinik,“ schreibt ein Teilnehmer. „Berufsausbildung als Schweißer – Wechsel in die IT-Branche, da ich meinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben kann. Alles, was mit Computer, Software, Hardware und IT zu tun hat, hat mir schon immer Spaß gemacht und mich begeistert,“ berichtet ein anderer. Die Zufriedenheit mit der Veränderung, die aus diesem Zitat spricht, ist typisch: Über 90 Prozent der Fachkräfte, die einen Quereinstieg gewagt habe, halten ihren Schritt im Nachhinein für die richtige Entscheidung. Der Grund dafür ist häufig, dass sich die Fachkräfte dadurch verbessern – wie dieses Beispiel zeigt: „Gelernte Maßschneiderin. In Textileinzelhandel gewechselt. Bessere Bezahlung, höhere Aufstiegschancen.“

Die Bereitschaft zum Quereinstieg bildet einerseits ein zusätzliches Fluktuationsrisiko, weil Arbeitgeber zugleich mit dem brancheninternen Wettbewerb und mit Arbeitgebern aus anderen Branchen rechnen müssen. Andererseits stellen Quereinsteigende eine interessante Zielgruppe im Recruiting dar. Supermärkte zum Beispiel, die bei den Auswahlkriterien in Stellenanzeigen von der „abgeschlossenen Ausbildung im Lebensmittelhandel“ auf „langjährige Erfahrungen im Umgang mit Lebensmitteln“ umsteigen, und Quereinsteiger:innen gezielt adressieren, eröffnen sich neue Zielgruppen.

Fazit

Fachkräfte sind selbstbewusst und bereit, die sich bietenden Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu ergreifen. Das Ende der Pandemie wird aller Voraussicht nach zu einem deutlich mobileren Fachkräfte-Arbeitsmarkt führen. Arbeitgeber sollten jetzt die entscheidenden Faktoren zur Mitarbeiterbindung überprüfen und sich für die notwendige Recruiting-Offensive wappnen. Zum Beispiel, indem sie Quereinsteiger:innen eine Chance geben. Ein weiterer, bislang wenig genutzter Weg, wäre zudem die Ansprache von latent suchenden Fachkräften: Fast die Hälfte der Fachkräfte ist mittlerweile für Angebote offen, auch wenn sie sich nicht aktiv bewerben.