The Great Resignation: Selbstbestimmung ist gefragt

Die große Kündigungswelle ist möglicherweise ein Versuch, die durch den Lockdown verlorene Autonomie zurückzugewinnen. Was Unternehmen jetzt tun sollten.
© gettyimages / Carmian

Die große Kündigungswelle ist möglicherweise ein Versuch, die im Lockdown vermisste Autonomie zurückzugewinnen. Was Unternehmen jetzt tun sollten.

Besonders auf dem US-amerikanischen Markt kündigen immer mehr Menschen ihren Job – die Rede ist von der Great Resignation, der großen Kündigungswelle. Wo liegen mögliche Gründe dafür? Hat die Kündigungswelle Deutschland bereits erreicht? Und was können Unternehmen tun, um ihre Mitarbeitenden möglichst langfristig zu binden?

Die vergangenen zwei Jahre haben uns viel abverlangt. Angst vor Erkrankung, soziale Isolation, eine unsichere berufliche Zukunft. Auch nach der teilweisen Aufhebung der Restriktionen sind diese Erfahrungen bei weitem nicht verflogen. Ständige Unsicherheit, vielfältige Ängste und eingeschränkte Selbstbestimmung haben unser Wohlbefinden und unsere Motivation stark beeinflusst – und tun es weiterhin.

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Auch der Markt bekommt das deutlich zu spüren. Besonders in den USA kommt es dieser Tage zu einer großen Kündigungswelle, die als Phänomen auch bereits einen Namen bekommen hat: The Great Resignation. Und wie es scheint, erreicht diese Welle langsam aber sicher die ganze Welt. Laut dem Work Trend Index des US-Unternehmens Microsoft zogen über 40 Prozent der Beschäftigten weltweit es 2021 wenigstens in Erwägung, ihren derzeitigen Arbeitgeber zu verlassen. Allein in den USA haben im September 2021 knapp viereinhalb Millionen Menschen ihren Job aufgegeben.

Aber ist die Great Resignation auch schon in Deutschland spürbar? Warum kündigen und wechseln ausgerechnet jetzt so viele Menschen ihre Jobs? Und vor allem: Was können Unternehmen tun, um ihre Beschäftigten zu halten?

Wie ist der Stand in Deutschland?

Noch hat die große Kündigungswelle Deutschland nicht überrollt, doch unbemerkt bleibt sie nicht: Laut einer belgischen Studie haben etwa 6 Prozent der deutschen Beschäftigten ihre Stelle während der Lockdown-Phasen aus Covid-verwandten Gründen gekündigt – der EU-weit höchste Wert.

Zudem ist hierzulande ein Rekordhoch an offenen Stellen festzustellen, die nicht besetzt werden können – der Fachkräftemangel bleibt also weiterhin ein großes Thema. Umso wichtiger ist es, frühzeitig auf eine möglicherweise auf Deutschland überschwappende Kündigungswelle vorbereitet zu sein und Maßnahmen zu ergreifen, um Mitarbeitende möglichst langfristig zu begeistern und zu binden.

Warum wechseln Menschen gerade jetzt so häufig?

Beim Wunsch nach einem Jobwechsel spielen psychologische Grundbedürfnisse eine große Rolle – sie umfassen Punkte wie das Bedürfnis nach Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit, die, wenn voll erfüllt, unser Wohlbefinden bei der Arbeit fördern und unser Verhalten positiv beeinflussen.

Bei der Autonomie geht es um die Freiwilligkeit unserer Entscheidungen; darum, dass wir unsere Aktionen und Interaktionen selbst bestimmen können. Gerade das wurde vielen von uns während der Lockdown-Phasen genommen. War der Lockdown aus gesundheitlicher Perspektive natürlich sinnvoll, hat es doch unsere Autonomie stark eingeschränkt. Das Bedürfnis danach, sie zurückzugewinnen, könnte ein wichtiger Grund dafür sein, dass Menschen sich nun auf Jobsuche begeben.

Auch die soziale Eingebundenheit ist wichtig: Laut Microsoft wünschen sich 65 Prozent der Angestellten wieder mehr persönliche Zusammentreffen mit ihren Teams. Gleichzeitig jedoch wollen 70 Prozent auch weiterhin flexibel und remote arbeiten können; ein Punkt, der auch laut einer aktuellen McKinsey-Studie unter Mitarbeitenden hoch im Kurs liegt.

Im Hinblick auf die Great Resignation mag das bedeuten, dass Mitarbeitende nicht mehr bereit sind, wie vor der Pandemie weiterzumachen und nun das Beste aus beiden Welten wollen: das persönliche Zusammenkommen mit dem Team, aber auch die Freiheiten des Homeoffices. Wenn Unternehmen letzteres nun wieder erschweren, fühlt sich das nach einem erneuten Verlust der Autonomie an; viele Beschäftigte scheinen nicht mehr bereit, zum alten Status Quo zurückzukehren und es kann somit zu einer beruflichen Umorientierung führen.

Denn flexibles Arbeiten bedeutet auch nicht weniger Arbeit: Laut Microsoft blieb für über 80 Prozent der Angestellten das Arbeitsaufkommen gleich, wenn es nicht gar stieg. Das bleibt nicht ohne Folgen: Mehr als die Hälfte der Befragten fühlt sich überarbeitet, knapp 40 Prozent fühlen sich sogar ausgelaugt. Kein Wunder — laut dem US-amerikanischen National Bureau of Economic Research gibt es heute mehr und auch längere Meetings, auch die tägliche Anzahl an Mails hat merklich zugenommen. Auch eine zu hohe Arbeitslast scheint Mitarbeitende also zum Hinterfragen ihrer beruflichen Situation zu verleiten.

Was können Unternehmen tun?

Eine offene und empathische Kommunikation mit den Mitarbeitenden ist unabdingbar. Auch die Anerkennung von Leistung ist wichtig: Laut einer aktuellen Studie ist der Mangel daran einer der Hauptgründe für eine Kündigung. Gleichermaßen würden 93 Prozent der Befragten ihren Job eher nicht kündigen, wären ihre Vorgesetzten einfühlsamer. Positives Management fungiert hier als Lösung.

Um Führungskräfte auf diese zunehmend wichtigen Aufgaben vorzubereiten, bietet sich Leadership Coaching an, das speziell auf die Auswirkungen des Managements auf die Bindung von Mitarbeitenden ausgerichtet ist. Besonders für neue Führungskräfte bietet Coaching wertvolle Unterstützung, aber auch erfahrene Führungskräfte profitieren von neuen Impulsen und aktuellen Strategien, mit deren Hilfe sie ihre Angestellten langfristig halten können.

Auch eine aktive Unterstützung des sogenannten Job Craftings ist zu empfehlen. Beim Job Crafting beeinflussen Mitarbeitende von sich aus ihre Arbeit, Arbeitsweisen und den Umgang mit Kolleginnen und Kollegen, sodass sie mehr ihren Wünschen entspricht. Dies durch Begleitmaßnahmen wie individuelles Coaching zu unterstützen, kann großen Gewinn bringen: Trotz unangetasteter Hierarchie agieren Mitarbeitende mit einem hohen Maß an Autonomie was, wie oben besprochen, zu ihrem Wohlbefinden, ihrer Motivation und Leistungsfähigkeit beitragen kann. Und somit kann vielleicht die Great Resignation in Deutschland zu einer regulären Fluktuationswelle abgewandelt werden.