Wer Leistung fordert, muss auch Sinn anbieten

| |
(c) gettyimages/philipp@nemenz.de
(c) gettyimages/philipp@nemenz.de

Auf Hochglanz polierte Imagebroschüren lassen die junge Generation kalt und auch ältere Mitarbeiter brauchen mehr als Geld und Incentives, um motiviert zu bleiben – denn die brutale Wahrheit über Unternehmen ist schon lange im Internet zu finden. Gefragt sind Authentizität und Sinn.

Ein großes Schweizer Medienunternehmen kündigt Einsparungen an und plant, Redaktionen an einem Standort zusammenzufassen. Die Journalisten wehren sich mit einem anonymen Twitterkanal, auf dem sie Interna posten. Der Kanal hat in kürzester Zeit doppelt so viele Follower erhalten wie der des Medienunternehmens selbst. Diese Möglichkeiten der Massenwirkung ergeben eine gänzlich neue Transparenz, auf die man sich als Unternehmen möglichst schnell einstellen sollte.

+++ Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Magazin Human Resources Manager. Eine Übersicht der Ausgaben erhalten Sie hier. +++ 

Der Sinn wird vernachlässigt

In Unternehmen wird gechanged, agilisiert und digitalisiert, was das Zeug hält. Zum einen, weil das im Moment sehr viele tun und man überall zu diesen Themen liest. Zum anderen, weil man hofft, dadurch die Produktivität zu steigern, den Gewinn zu maximieren und für kommende Anforderungen vorbereitet zu sein. Doch bei all den Prozessen und Abläufen, die leicht angepasst oder sogar revolutioniert werden, wird ein wesentlicher Faktor oft vernachlässigt: der Sinn.

Motivation war schon immer ein Thema in Unternehmen. Man versucht mit allerlei Mitteln, die Mitarbeiter motiviert und bei Laune zu halten. Nicht nur aus philanthropischen Motiven. Schon lange weiß man, dass zufriedene Mitarbeiter produktiver und kreativer sind, was sich sogar positiv in den Statistiken der Krankheitstage niederschlägt. Das Problem der extrinsischen Motivation, der Motivation von außen, ist allerdings, dass man immer wieder erneut motivieren muss. So gibt es heute Unternehmen, die kostenlose Getränke, Snacks und Früchte reichen. Neben Tischtennis und Ruheräumen steht ein Fitnessstudio mit Personal Trainer kostenlos zur Verfügung. Und trotzdem sind die Mitarbeiter anscheinend nicht zufrieden und beschweren sich über die Qualität des Personal Trainers. Der Mensch gewöhnt sich schnell an einen höheren Standard und damit wird auch eine tägliche Nackenmassage am Arbeitsplatz rasch zur Normalität.

Von der Motivation zum Sinn

Mitarbeiter fragen sich zunehmend, welchen Sinn ihr alltägliches Tun hat, vor allem die jüngeren. Unsere Grundbedürfnisse sind befriedigt, also stellt sich die Sinnfrage. Der Mitarbeiter möchte stolz sein, bei diesem oder jenem Unternehmen zu arbeiten – und er möchte einen Sinn in seiner Arbeit erkennen können. Unternehmen, die ihren Sinn kommunizieren, machen nicht nur Eindruck bei Mitarbeitern und Bewerbern, sondern auch bei Kunden.
Um diesen Sinn kommunizieren zu können, muss er natürlich zuerst gefunden werden. Fragen wie diese können helfen, dem Sinn auf die Spur zu kommen:

Warum wurde das Unternehmen ursprünglich gegründet?
Was wollte man verändern, verbessern oder sogar revolutionieren?
Was verändert das Unternehmen im Leben der Kunden?

Sinn kann nicht mittels Prozessen oder Artikeln im Intranet erledigt oder befohlen werden. Sinn kann nur vermittelt werden – indem zum Beispiel der Inhaber erzählt, warum er das Unternehmen ursprünglich gegründet hat. Was für ihn daran sinnvoll war und ist. Vielleicht auch, welche Hürden und Hindernisse er bis dahin überwinden musste und heute oft noch muss. Storytelling lautet also das Rezept. Und wenn langjährige Mitarbeiter im übertragenen Sinn ähnliche Hindernisse in ihrem Arbeitsalltag überwinden mussten und für gleiche Werte einstehen, können sie sich mit diesem Unternehmen identifizieren. Das bedeutet, dass man mittels Storytelling den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit den Sinn und die Werte anbietet und ihnen die Chance gibt, an dieser Stelle einen Kontakt herzustellen.

Authentizität hilft

Ein Bewerber wägt die Entscheidung für eine neue Arbeitsstelle oder Position hinsichtlich der Vor- und Nachteile gut ab. Er fragt sich, was er leisten muss und was er im Gegenzug dafür erhält. Wie viel Spaß wird der neue Job machen, wie ist das Umfeld und wie erkennen Kollegen die Firma an? Und passt diese Arbeit überhaupt in das eigene Lebenskonzept? Themen, die für frühere Generationen weniger im Fokus standen. Da wurde eine Beförderung noch ohne Umschweife dankend angenommen. „Weiterkommen und Karriere machen“ war die Devise.

„Statt sich nur auf Lebensläufe und Außenwirkung zu fokussieren, sollten Personaler im Einstellungsgespräch verhaltensorientierte Fragen stellen.“

An dieser Stelle verschiebt sich nun etwas. Die jüngere Generation möchte nicht nur eine ausgeglichene Work-Life-Balance leben, sondern die Arbeit auch aktiv mitbestimmen, Freude an ihr haben und einen Sinn darin erkennen können. Und es wird vorher genau geprüft, ob die Stimmung im Unternehmen schlecht ist, die Wertschätzung fehlt und ob Werte, die in Leitbildern propagiert werden, überhaupt gelebt werden. Ein Arbeitgeber wird nicht gewechselt, ohne das Unternehmen auf Google oder der Bewertungsplattform Kununu.com entsprechend detailliert zu bewerten und auf auffällige Schwächen wie Führungs- und Kommunikationsprobleme des Unternehmens hinzuweisen.

Das Zeitalter der Hochglanz-Imagebroschüre ist vorbei. Längst ist alles transparent und interne Unstimmigkeiten drängen ans Licht der Öffentlichkeit. Dieser Fakt hat Auswirkungen auf die Führung, die Unternehmenskommunikation und auf die Sogwirkung potenzieller Mitarbeiter.

Vom Know-how zum Know-why

Welche umwälzenden Maßnahmen sind in den Unternehmen zu initiieren, um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden? Eigentlich müsste man nur das wirklich umsetzen und leben, was in vielen Leitbildern steht.
Das allerdings funktioniert nicht durch niedergeschriebene Anweisungen. Wir müssen darüber sprechen, auf welche Show-Elemente im Business wir zukünftig verzichten wollen. Aufgesetzte Teambuilding-Events sind wenig sinnvoll. Nur im direkten Austausch, durch echte Gespräche darüber, wie wir im Alltag arbeiten und leben wollen, kann ein Sinn geschaffen werden. Es geht um einen Austausch, wie wir Erfolg, Wertschätzung, Respekt und Dienstleistung definieren. Es geht in Zukunft weniger um Systeme und Know-how, sondern um das Know-why.

Wir können Parallelen im Internet erkennen. Eine Vielzahl von Unternehmen pushen nach wie vor täglich Informationen in den sozialen Netzwerken in der Hoffnung, Menschen zu erreichen und sie zu Käufern zu machen. Doch deren Reichweite schrumpft. Sie erreichen damit niemanden mehr, weil es Social Media heißt und nicht Content Media. Es geht darum, dass man auch zuhört, nachfragt, sich für andere Menschen und andere Meinungen interessiert. Das alles braucht aber wesentlich mehr Zeit. Und doch gibt es keine Alternative dazu.Das Gleiche gilt für Unternehmen: Wir können die Mitarbeiter zuschütten mit Informationen, Anweisungen, Geld und Incentives. Wenn die Menschen keinen Sinn in ihrem Tun erkennen können, stumpfen sie ab. Und mit solchen Mitarbeitern ist kein Unternehmen fit für die Zukunft.

Stefan Dudas ist Business-Experte für Sinngebung. Der Redner, Coach und Autor legt sucht neue Denkansätze. Im Dezember 2017 ist sein neues Buch „VOLL SINN. Nur was Sinn macht, kann uns erfüllen“ erschienen. (Stefan Dudas „VOLL SINN. Nur was Sinn macht, kann uns erfüllen“,
264 Seiten, 24,95 Euro, BusinessVillage Verlag)

Weiterbildungen zum Thema Work-Life-Balance und Personalmarketing