Wächst die Qualifikationslücke zum Berufseinstieg?

Müssen Unternehmen ihre Anforderungen an junge Menschen anpassen? Oder ist die Qualifikationslücke zum Berufseinstieg ein Klagen auf hohem Niveau?
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Ausbildungsbetriebe klagen häufig darüber, dass jungen Menschen mitunter das nötige Rüstzeug fehle, um eine Ausbildung erfolgreich zu absolvieren. Die Corona-Pandemie hat Wissensdefizite zusätzlich verstärkt. Viele Bildungschancen blieben in Zeiten von Lockdown, Homeschooling und Wechselunterricht ungenutzt, manches Wissen ging verloren. Unter Qualifikationseinbußen leiden ebenso Alumni: Während der Corona-Ausnahmesituation gab es für Studierende oder Absolventinnen und Berufsanfänger kaum Möglichkeiten, ein Praktikum zu durchlaufen. Müssen Unternehmen ihre Anforderungen also anpassen? Oder ist die Qualifikationslücke zum Berufseinstieg lediglich ein Klagen auf hohem Niveau?

Kerstin Wagner ist Leiterin der Personalgewinnung bei der Deutschen Bahn.
Kerstin Wagner © Dawin-Meckel / OSTKREUZ

„Die Pandemiefolgen oder bereits bestehende Wissensdefizite spüren wir, klagen darüber jedoch nicht. Denn nur mit neuen Lösungen und anderen Denkmustern können wir unsere Ziele erreichen. Jedes Jahr nimmt die Deutsche Bahn Einstellungen in der Größenordnung einer Kleinstadt vor – mehr als 20.000 neue Beschäftigte werden es auch 2021 wieder sein. Für die Personalgewinnung engagieren sich gut 800 Kolleginnen und Kollegen. Wir analysieren den Arbeits- und Bewerbungsmarkt genau und reagieren schnell auf sich ändernde Rahmenbedingungen. Wir sind nah an den aktuellen Bedürfnissen der Jobsuchenden. Dazu gehört auch, dass wir Unterstützung mithilfe eines Berufsvorbereitungsprogramms bieten. Wir nehmen Schülerinnen und Schüler mehr an die Hand als früher, organisieren viele digitale Events und Informationsveranstaltungen – auch für Eltern. Wichtig sind stets eine enge Begleitung und ein regelmäßiger Dialog mit den Jugendlichen und Studierenden.“

Kerstin Wagner ist Leiterin der Personalgewinnung bei der Deutschen Bahn. Sie verantwortet die Bereiche Employer Branding, Recruiting, Global Governance und Zeitarbeit sowie ein knapp 800-köpfiges HR-Team. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre und absolvierte ein Masterstudium in Kanada.

Achim Dercks ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK).
Achim Dercks © DIHK / Jens Schicke

„Ausbildungsbetriebe erwarten zu Recht eine Basis an Mathe- und Deutschkenntnissen, Engagement und Umgangsformen. Nur so können Azubis ihre Ausbildung erfolgreich bestehen und auch im weiteren Berufsleben erfolgreich sein. Deshalb bieten viele Unternehmen sogar Nachhilfe an. Dies kann jedoch in der Schule Versäumtes nur begrenzt wettmachen. Zugleich bringen viele Jugendliche heute individuelle Fähigkeiten mit, die sehr positiv für den Ausbildungserfolg sind. Daher sollten die Beteiligten der Allianz für Aus- und Weiterbildung das Konzept der Ausbildungsreife zu einer Ausbildungsstartkompetenz weiterentwickeln. Darin sollten digitale Fähigkeiten, aber auch Problemlösungskompetenz und Kreativität stärker berücksichtigt werden. Dann wäre dieser Kompetenzkatalog eine noch bessere Orientierungshilfe für Unternehmen und für junge Menschen, der dabei helfen kann, die Fähigkeiten angehender Fachkräfte und die Anforderungen der Betriebe gut zusammenzubringen.“

Achim Dercks ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Der promovierte Volkswirt studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Köln und Paris. Neben seiner Funktion beim DIHK ist er stellvertretender Vorsitzender beim ZDF-Fernsehrat.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Anja Karliczek © Bundesregierung / Guido Bergmann

„Durch die Pandemie wurde das gesamte Bildungssystem vor einmalige Herausforderungen gestellt. Bildungseinrichtungen und Lernende haben diese angenommen und teilweise sehr erfolgreich Lehren und Lernen auf digitale Formate umgestellt. Auch der Berufseinstieg war und ist von besonderen Schwierigkeiten begleitet, wie ausgefallenen Praktika, verzögerten Bewerbungsprozessen, Lücken in der Wissensvermittlung. Ich bin sicher, dass wir diese schwierige Phase überwinden. Dazu tragen Fördermaßnahmen zum Abbau von Lernrückständen bei Kindern und Jugendlichen, der Ausbau einer digitalen Berufsorientierung und Zuschüsse zu Prüfungsvorbereitungskursen für Auszubildende bei. Eines ist klar: Der Fachkräftebedarf ist hoch und wird weiterwachsen. Meine Botschaft an alle Berufseinsteigerinnen und -einsteiger: Seien Sie mutig und zuversichtlich. Meine Botschaft an die Betriebe: Engagement in Aus- und Weiterbildung lohnt sich. Schauen Sie in die Zukunft.“

Anja Karliczek ist Mitglied des Bundestages und seit März 2018 Bundesministerin für Bildung und Forschung. Die Diplom-Kauffrau studierte Betriebswirtschaftslehre an der Fernuniversität Hagen. Zuvor absolvierte sie eine Ausbildung zur Bankkauffrau sowie zur Hotelfachfrau mit Ausbildereignung im familieneigenen Hotelbetrieb und war dort in leitender Position tätig.

Daniel Terzenbach ist seit März 2019 Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit und verantwortet die operativen Geschäftsbereiche.
Daniel Terzenbach © Bundesagentur für Arbeit

„Der Berufseinstieg steht in Zeiten der Pandemie zweifelsohne unter besonderen Vorzeichen. Unternehmen und junge Menschen haben schwerer zueinander gefunden, und auch die Berufsberatung musste neue und digitale Wege gehen, um die Jugendlichen zu erreichen. Sicherlich hatten es die Schülerinnen und Schüler nicht leicht, sich den Lernstoff unter den erschwerten Bedingungen anzueignen. Ganz so negativ möchte ich die Situation jedoch nicht sehen. Die Pandemie hat dafür andere Kompetenzen gestärkt, die im Berufsleben und im Zuge der Digitalisierung eine wichtige Rolle spielen. Und dazu gehören in erster Linie Selbstverantwortung, eigenständige Problemlösungsstrategien und der Umgang mit digitalen Lernformen. Der Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg liegt mit Blick auf den Fachkräftebedarf mehr denn je in der Qualifikation und Motivation der Beschäftigten. Unternehmen, die in die Ausbildung ihrer Nachwuchskräfte investieren, sichern sich so die begehrte Fachkraft von morgen.“

Daniel Terzenbach ist seit März 2019 Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit und verantwortet die operativen Geschäftsbereiche. Für die Bundesbehörde ist der studierte Sozialwissenschaftler seit 2006 in verschiedenen Führungspositionen tätig.

Yvonne Gebauer ist seit 2017 Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen.
Yvonne Gebauer © Susanne Klömpges

„Die Pandemie hat junge Menschen auf dem Weg zum Schulabschluss und ins Berufsleben vor enorme Herausforderungen gestellt. Anstatt diese Jahrgänge zu unterschätzen, sollten wir ihre Leistungen würdigen. Natürlich mag es hier und da pandemiebedingte Lernlücken geben, die wir in den kommenden Monaten schließen müssen. Dafür stehen allein in Nordrhein-Westfalen 430 Millionen Euro bereit. Zugleich haben Schülerinnen und Schüler gelernt, eigenverantwortlich, diszipliniert und digital zu arbeiten – Kompetenzen, die im Berufsleben unverzichtbar sind. Genauso wichtig ist sicheres Lesen, Schreiben und Rechnen, das wir an Grundschulen gezielt fördern. An den weiterführenden Schulen haben wir zudem das Schulfach Wirtschaft eingeführt, das jungen Menschen die moderne Arbeitswelt näherbringt. Gemeinsam mit der Berufs- und Studienorientierung ‚Kein Abschluss ohne Anschluss‘ trägt es dazu bei, Jugendliche bestmöglich auf ihre weiteren Bildungs- und Berufswege vorzubereiten.“

Yvonne Gebauer ist seit 2017 Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen. Zuvor war sie fünf Jahre lang schulpolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Düsseldorfer Landtag.

Magazin Human Resources Manager Ausgabe Ideale 2021

+++ Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Printmagazin Human Resources Manager. Eine Übersicht der Ausgaben erhalten Sie hier. +++