Schützen Apps vor stressbedingten Krankheiten?

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Kritiker bemängeln, dass Achtsamkeit allein nicht das Allheilmittel gegen eine immer weiter fortschreitende Arbeitsverdichtung sein kann.
© gettyimages / fizkes

Digitalisierung verursacht Stress und hilft dagegen – Mindfulness-Apps boomen. Ist die Stressprävention mit einem kostenlosen Abo für Mitarbeiter erledigt?

Vor allem junge Arbeitnehmer leiden vermehrt unter Arbeitsstress – sowohl physisch als auch psychisch. Gründe für die doppelte Belastung sind vor allem emotionale Erschöpfung sowie Bewegungsmangel durch immer längere Arbeitszeiten am Bildschirm. Experten sehen die Ursache dafür in der Entgrenzung: Die Bedeutung der Arbeit nimmt immer weiter zu und gerade bei Millennials vermischt sie sich immer mehr mit dem Privatleben. Laut einer aktuellen Studie schaffen die ständige Erreichbarkeit und der immer schnellere Rhythmus im heutigen Arbeitsalltag Bedingungen, für die die Coping Skills der Arbeitnehmer nicht ausreichen: Sie priorisieren den erschöpfenden Workflow, wodurch die Freizeit zu kurz kommt.

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Stress ist die Folge und nichts anderes als eine körperliche Reaktion (Fight-or-Flight-Reaktion) auf eine Gefahrensituation. Im heutigen Berufsleben betrifft eine Gefahrensituation alle Situationen, bei denen nicht klar ist, ob und wie wir eine Aufgabe lösen oder die Deadline halten. Inzwischen leidet jeder fünfte Arbeitnehmer unter digitalem Stress im Job. Immer mehr Menschen fallen aufgrund psychischer Leiden längerfristig aus. Für das Jahr 2018 vermerkte der DAK-Psychoreport 236 Fehltage je 100 Arbeitnehmer, die sich auf seelische Krankheiten zurückführen lassen. Auf die Gesamtzahl der Krankheitstage gesehen machen psychische Beschwerden 15 Prozent aus.

Wie wirkt sich Dauerstress auf die Gesundheit von Arbeitnehmern aus?

Das Stress-Hormon Cortisol sorgt auf Dauer für einen erhöhten Blutdruck und Zuckerwert im Blut, es hemmt die Fettverbrennung und sorgt für Gewichtszunahme, Osteoporose und depressive Verstimmungen. Dies kann wiederum zu weiterem psychischen Stress führen. Denn zusätzlich zum „Nicht-Abschalten-Können“ werden Ursachen für körperliche Veränderungen meist weder von uns selbst noch von unserer Umgebung als Stressresultate wahrgenommen. Die Lösungsvorschläge sind dementsprechend einseitig und nicht zielführend, da Betroffene meist gar nicht aus eigener Kraft etwas an der Situation ändern können – beziehungsweise die Ursachen für Übergewicht beispielsweise weitaus komplizierter sind. Auch stressbedingte depressive Verstimmungen können Arbeitgeber nicht mit einfachen Lösungen bekämpfen.

Ebenso sind die Coping-Strategien, auf die gestresste Arbeitnehmer zurückgreifen, nicht immer die gesündesten. Ob es die Arbeit ist, die mit nach Hause genommen wird, oder Beruhigungsmittel, damit man nachts überhaupt einschlafen kann, oder erhöhter Alkoholkonsum, um abzuschalten – all diese kurzfristige Maßnahmen verhalten sich wie Pflaster auf Schusswunden, die das grundlegende Problem nicht bekämpfen. Außerdem fördern sie die Gesundheit des Arbeitnehmers nicht, sondern erschöpfen ihn noch mehr.

Prävention zahlt sich aus

Die individuellen Coping Strategien von Arbeitnehmern gehen einige Zeit gut, über einen längeren Zeitraum führen sie jedoch zu verminderter Leistungsfähigkeit und in den schlimmsten Fällen zu längeren Abwesenheiten aufgrund von Burnout. Für Arbeitgeber geht der Personalausfall mit enormen Kosten einher, denn Arbeitnehmer, die wegen Burnout oder stressbedingten Krankheiten fehlen, fallen oft länger aus. Im Durchschnitt sind es 36 Tage Fehlzeit – drei Mal so viel wie bei einem rein körperlichen Leiden (wie Grippe – hier fehlen Arbeitnehmer durchschnittlich 12 Tage). Arbeitgeber müssen also schon rein wirtschaftlich Interesse daran haben, ihre Belegschaft gesund und motiviert zu halten.

In die betriebliche Gesundheitsförderung zu investieren, um stressbedingte Krankheiten und Ausfälle von vornherein zu vermeiden, ist für Arbeitgeber aber nicht nur aus Kostengründen von Vorteil. Sie bewirkt:

  • die Sicherung der Leistungsfähigkeit aller Mitarbeiter
  • eine gesteigerte Mitarbeitermotivation durch stärkere Identifikation mit dem Arbeitgeber/der Firma
  • eine Kostensenkung: Es gibt weniger krankheitsbedingte Ausfälle
  • eine höhere Produktivität und Qualität im Team
  • die Imageaufwertung des Unternehmens
  • eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit

Betriebe nehmen dies immer ernster. Für kleinere Betriebe, die keine Ressourcen oder möglicherweise kein Fachpersonal haben, die sich um die betriebliche Gesundheitsförderung kümmern können, gibt es hierzu fachliche Unterstützung von Krankenkassen. Deren regionale Koordinierungsstellen zur betrieblichen Gesundheitsförderung sind erste Anlaufstellen.

Wie viel Selbstoptimierung zur Stressbewältigung ist zumutbar?

Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt eine gesundheitsgerechte Mitarbeiterführung und macht dazu auf seiner Webseite konkrete Vorschläge: Von Kursen zur Entspannung und zum Stressmanagement bis hin zu Beratungsangeboten, um mit dem (sehr oft stressbedingten) Rauchen aufzuhören, sind hier viele Möglichkeiten aufgeführt.

Ebenfalls kann man bis zu einem gewissen Grad auf neue Entwicklungen in der Technologie zurückgreifen. So werden zum Beispiel Mindfulness-Apps immer beliebter. Gerade für Millennials, die sowieso als „digital natives“ aufgewachsen sind,  können solche digitalen Helfer den Start in die eigene Achtsamkeits-Praxis erleichtern.

Wäre also ein vom Arbeitgeber bezahltes Abo einer Mindfulness-App die Lösung? Nein.

Kritiker bemängeln, dass Achtsamkeit allein nicht das Allheilmittel gegen eine immer weiter fortschreitende Arbeitsverdichtung sein könne. Einerseits kann und sollte nicht erwartet werden, dass Arbeitnehmer sich immer weiter „selbst optimieren“, um dem steigenden Druck standhalten zu können. Andererseits werden Studien, die die Wirksamkeit von Mindfulness untermauern sollen, wegen ihres Studienaufbaus kritisiert. Sie bestehen meist aus sehr kleinen Testgruppen und können daher nicht einfach so auf die Allgemeinheit übertragen werden, da sie statistisch gesehen nicht aussagekräftig sind.

Was kann Mindfulness und viel wichtiger: Was soll sie überhaupt können?

Es gibt in der Tat Studien, die belegen, dass Mindfulness wirksamer gegen Stress ist als eine Gesundheitsförderung, die nur auf Ernährung/Bewegung basiert. Im Zuge einer zweiwöchigen Studie erlernten die Probanden Denkmuster neu, sodass die eingangs stressauslösende Situation nach Beendigung der Studie nicht mehr als Gefahrensituation wahrgenommen wurde. Es konnten also neue Coping-Mechanismen gelernt werden, um so die Fight-or-Flight-Reaktion zu unterbinden.

Übertragen auf den Arbeitsalltag heißt das also, dass nicht der Umgang mit der stressigen Situation vom Arbeitnehmer gelernt (und durch Mehrarbeit kompensiert) werden soll, sondern dass Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, in denen im Kopf des Mitarbeiters kein Stress ausgelöst wird.

Was können Arbeitgeber tun, um Arbeitnehmer zu unterstützen?

Arbeitgeber können durch gut durchdachte Planung und Organisation dafür sorgen, dass es zu keiner dauerhaften Überlastung der Arbeitnehmer kommt. Sie sind heute mehr denn je gefragt, Strukturen zu schaffen, die ein angemessenes, gesundes Arbeitsumfeld garantieren. Beispielsweise bietet das Unternehmen Daimler seinen Mitarbeitern an, E-Mails, die während Urlaubszeiten empfangen wurden, automatisch aus dem Postfach zu entfernen. VW-Angestellte, die ein Blackberry besitzen, können zu bestimmten Uhrzeiten gar keine E-Mails empfangen, was den E-Mail-Verkehr auf reguläre Bürozeiten begrenzt und dafür sorgt, dass es gar keinen Grund gibt, nach Feierabend noch einmal den Posteingang zu checken.

Durch strukturelle Maßnahmen können Arbeitgeber also sicherstellen, dass es zu keiner Entgrenzung kommt. Es soll Mindfulness keineswegs unterstellt werden, dass sie keine Hilfestellung ist. Für normal gestresste Menschen können reguläre Mindfulness-Übungen stark dazu beitragen, Situationen besser einzuschätzen und durchdachte Entscheidungen zu treffen. Die Rahmenbedingungen müssen jedoch auf einer anderen Ebene geschaffen werden. Mindfulness soll unterstützen, aber nicht die Lösung des Problems sein, für deren Gelingen der Arbeitnehmer die alleinige Verantwortung auf sich zu nehmen hat.