Sandra Vollmer: Die Mutmacherin

Sandra Vollmer wurde als Junge großgezogen. Heute ist die 46-Jährige eine Frau
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Sandra Vollmer wurde als Junge großgezogen. Heute ist die 46-Jährige eine Frau. Ihre Transition fand zwischen Management­posten und Familie mit Kind statt. Über den Schritt in ein neues Leben, Vorbilder in der Arbeitswelt und die Liebe zum Recruiting

Sandra Vollmer steht an ihrem Schreibtisch im Homeoffice. Den Hintergrund hält die Vorständin für Finanzen und HR mit einem Fotofilter privat, wenngleich bei manchen Bewegungen der offene Wohnraum hinter ihrem heimischen Büro in Bruchstücken zu erahnen ist. Ihr Blazer erinnert an jenen, den sie auf ihrem offiziellen Pressefoto trägt. Trotz des formellen Auftretens ist der Gesprächseinstieg offen und locker. Sie erweckt den Eindruck einer Persönlichkeit, die mit sich im Einklang ist und mit beiden Beinen im Leben steht – in dem einer Frau. Der Gedanke, dass sie ihren Karriere- und Lebensweg bis vor Kurzem als Mann beschritten hat, liegt mit jeder Minute des Kennenlernens ferner.

Magazin Human Resources Manager Ausgabe Gender 2021

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Die 46-Jährige ergriff den Ausbildungsberuf für Industrie­kaufleute, arbeitete anschließend im elterlichen Betrieb und absolvierte Zivildienst. Ende der 1990er-Jahre folgte ein Studium der Wirtschaftswissenschaften mit Bachelorabschluss, der zu der Zeit hierzulande als innovativ galt. Nach vier Semestern in Freiburg und weiteren zwei an der staatlichen Universität in Cambridge startete sie ihre Karriere bei einer internationalen Unternehmensberatung in der Schweiz. Als die Internetblase Anfang der 2000er-Jahre platzte und die Beratungsbranche litt, wechselte sie zur Telekom. Sie startete im Einkauf, vergrößerte rasch ihren Verantwortungsbereich. Später kam die erste Führungsaufgabe im Einkaufscontrolling hinzu. Ein Headhunter warb sie zu dem damaligen Kabelnetzbetreiber Unitymedia für die Leitung des Einkaufs ab. Zwei Jahre später erhielt sie intern die Möglichkeit, das Controlling zu leiten. „Von einer leitenden Funktion im Unternehmen in eine ganz andere zu wechseln, ist eine Chance, die es nur selten gibt“, sagt Sandra Vollmer. Die ersten Monate beschreibt sie als holprig. Nicht alle hätten ihr die Stelle zugetraut. Aber das sei für sie ein Antrieb gewesen. Schließlich erfolgte die Berufung in den Aufsichtsrat, um dort die Arbeitgeberseite zu vertreten. Fünf Jahre verbrachte sie als Teil der kaufmännischen Geschäftsführung bei dem Konzern. Dann der nächste Headhunter-Anruf: „Möchten Sie Chief Financial Officer bei 1&1 Mail & Media Applications werden?“ Sie wollte und trat Anfang 2018 die Stelle bei dem Teilkonzern von United Internet an. Das Unternehmen führt die E-Mail-Marken Web.de und GMX. Dort verantwortet sie bis heute die Bereiche Finanzen und HR und ist für rund 1.000 Beschäftigte zuständig.

Erfolge als Trostpflaster

Der berufliche Aufstieg hat ihr in zweierlei Hinsicht gedient. Einerseits für die Karriere, andererseits dazu, sich dahinter zu verstecken, um die eigentliche Persönlichkeit nicht zu spüren. „Die Erfolge waren meine Trostpflaster“, sagt Vollmer. Sie habe bereits früh begonnen, sich in ihren Erfolgen zu sonnen. In jungen Jahren war es die Bühne – sie hat Musik gemacht und Piano gespielt, ist vielfach aufgetreten. Später sorgten neue Herausforderungen im Job für Ablenkung. Dass irgendetwas anders ist, hatte sie jedoch schon während der Pubertät gemerkt. Über Transidentität las sie das erste Mal im Alter von 18 Jahren. Die Vermutung, eine Frau zu sein, hatte sie im Laufe der Zeit häufiger, aber verdrängt. „Es war wie ein Feuer, das zwischendurch auf­flammt, aber ich habe es immer wieder gelöscht“, sagt sie.

Mit ihrem letzten Jobwechsel ging eine räumliche Veränderung einher. Der Umzug in die Nähe von Karlsruhe hat bei Vollmer einen „Klick“ ausgelöst. Beruflich hatte sie zu dem Zeitpunkt alles erreicht, was sie sich vorstellen konnte. Doch sie verspürte wieder diesen Drang, das Feuer in ihr loderte auf. Im Sommer 2018 gesteht sie sich ein, dass dieses Gefühl immer wieder kommt und sie es nicht loswird. Kurze Zeit später fasste sie den Entschluss, herauszufinden, ob sie transident ist oder nicht. Zu dem Zeitpunkt ist sie 43 Jahre alt. Der Schritt fällt ihr schwer. Am größten ist die Angst, Familie und Job zu verlieren. Ihre Ehefrau einzuweihen, beschreibt sie als schwierigsten Moment innerhalb der Transition. Sie zeigt auf eine Stelle im Raum hinter sich, an der sich die Couch befindet, wohlwissend, dass der virtuelle Hintergrundfilter die Sicht verhindert. Dort hat Vollmer gemeinsam mit ihrer Frau gesessen, als sie sich ihr offenbarte. Ihre Frau reagierte zunächst überfordert, hatte Ängste, ihren Mann zu verlieren. Nach wenigen Monaten habe sie sich berappelt, wie Vollmer es salopp nennt. Brisantes bleibt bei ihren Schilderungen außen vor. Heute sei sie ihre größte Unterstützerin. Die damals zehn Jahre alte Tochter habe die Neuigkeit recht locker aufgenommen. Ihrem Kind sei einzig und allein wichtig gewesen, nicht den Papa zu verlieren. Sandra Vollmer ist bewusst, dass nicht alle so viel Glück mit der Reaktion ihrer Familie haben. Oftmals gehen Beziehungen nach oder während einer Transition in die Brüche.

Doppelleben und Existenzängste

Ihr Outing erfolgte Schritt für Schritt. Zunächst hat sie eine Art Doppelleben geführt, um sich wirklich sicher über ihre Transidentität zu sein. Im Privaten verbrachte sie Wochenenden und Urlaube als Frau, im Büro erschien sie weiterhin als Mann. „Wenn ich mich im Beruf oute, dann muss das endgültig sein, dachte ich damals“, sagt Sandra Vollmer. Sie wollte keine Marionette sein, die als Frau zur Arbeit kommt, und dann später vielleicht doch wieder ein Mann ist. Jedes Wochenende in die weibliche Identität zu schlüpfen, hat sie darin bestätigt, eine Frau zu sein. Von Beginn an wurde ihr Frausein im Freundes- und Bekanntenkreis akzeptiert. Den meisten Menschen konnte sie ihre Geschlechtsidentität gut vermitteln, wenn sie direkt mit Sandra in Berührung kamen. Die negativen Aspekte eines Trans-Outings, über die in vielen Biografien zu lesen ist, blieben ihr weitgehend erspart. Ihr ging es stets gut in dem Prozess.


Was bedeutet Trans*?

Menschen haben ein tiefes inneres Wissen ­darüber, welchem Geschlecht sie angehören. Diese Geschlechts­identität ist nach außen nicht sichtbar. Transgeschlechtliche Menschen erleben ihre Geschlechtsidentität als nicht – oder nicht nur – mit dem Geschlecht übereinstimmend, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde. „Trans*“ ist ein Sammelbegriff, der sich auf all diese Menschen bezieht, und wird als Adjektiv genutzt wie in trans* Person. Da es neben männlich und weiblich weitere geschlechtliche Identitäten gibt, sind im Laufe der Zeit spezifische Begriffe entstanden, um die verschiedenen Identitäten korrekt zu benennen. Der Stern in trans* und inter* berücksichtigt dabei die Vielfalt von Geschlechts­identitäten, Selbstbezeichnungen und Lebensentwürfen von Menschen, deren Geschlecht, Geschlechtsidentität oder Geschlechtsausdruck nicht den tradierten Erwartungen entspricht. Die diversen Attribute wie trans­gender, transident, nichtbinär oder agender sind somit alle in der Bezeichnung „trans* Person“ enthalten. Das Adjektiv „trans“ kann jedoch auch ohne Stern verwendet werden. Der Begriff „Transsexualität“ gilt als diskriminierend, da er eng mit der Pathologisierung von trans* Personen verknüpft ist.

Quelle: Kompendium Gendersensible Sprache. Strategien zum fairen Formulieren des BdKom


Für die Controllerin und HRlerin stand irgendwann auch das Outing im Beruf fest. Dann ging es nicht mehr darum, ob sie sich outet, sondern wie sie dies tun wird. Existenzängste kamen hoch. Sie trägt als Hauptverdienerin Verantwortung für die ganze Familie. Sie bezeichnet ihre Entscheidung als einen Fifty-fifty-Joker: Geht das Unternehmen den Weg mit ihr? Oder wendet sich das Management von ihr ab? Ihre Sorge zu dem Zeitpunkt: Ihre Stellung als Chief Financial Officer könnte für das Unternehmen riskant sein, falls Kundschaft oder Lieferbetriebe sie nicht akzeptieren. Das Risiko, ihren Job zu verlieren, nahm Sandra Vollmer jedoch in Kauf. Im September 2020 folgte das Outing bei einem Kollegen. Er war in der Nähe und kündigte einen Spontanbesuch an. Sie vertraute sich ihm in ihrer männlichen Identität an, auch wenn feminine Züge durch die Hormontherapie und längere Haare sie bereits weiblicher wirken ließen. Er sah sie an und bekannte: „Wow, Respekt!“ Sein Interesse galt ihr als Mensch und ihrer Familie, aber auch medizinischen Aspekten. Der Kollege war ihr erster beruflicher Eingeweihter. Er gab ihr Ratschläge, wen sie im Unternehmen vielleicht zuerst einbinden sollte.

Eine Herausforderung bei dem Outing im Job war, dass Sandra Vollmer selbst die HR ist. Bei einer Hilfestellung von der Personalabteilung, wie sie mit dem Outing intern umgehen könnte, hätte sie bei ihrem eigenen Team nachfragen müssen. Der Gedanke, die Diversity-Verantwortlichen im Unternehmen anzusprechen, kam ihr jedoch nicht. Das nennt sie im Nachhinein einen Fehler. Denn so hat sie alles mit sich allein ausgemacht. Vollmer informierte zuerst den Aufsichtsrat persönlich, dann Führungskräfte und die Belegschaft. Eine klassische E-Mail an die Beschäftigten kam für sie nicht infrage. Das lässt zu viele Fragen offen, findet sie. Stattdessen versendet sie eine Videobotschaft an alle: die erste Minute als Mann, ein Cut, danach eine Minute als Frau. Die Rückmeldungen seien wahnsinnig positiv und wertschätzend gewesen. Hunderte E-Mails als Feedback haben sie in den Tagen danach erreicht. Die breite Unterstützung empfindet sie als sehr bewegend. Ihre Befürchtungen vor einem Outing im Job haben sich nicht bestätigt. Dennoch will Vollmer nach Auslaufen ihres Vertrages eine neue Heimat finden. „Ich möchte nächstes Jahr beruflich als Frau neu beginnen“, sagt die Vorständin. Der Wunsch dahinter: Menschen sollen sie nur so kennenlernen, wie sie heute ist. Auch wenn sie niemand mit dem Abbild ihres alten Ichs gängelt, ist dieser Schritt für sie von Bedeutung.

Sandra Vollmer beim Outing als trans Frau in einer Videobotschaft
In der Belegschaft geoutet hat sich Sandra Vollmer mit einer Videobotschaft aus dem Homeoffice: Die erste Minute als Mann, nach einem Schnitt zeigt sie sich in ihrer Identität als trans Frau. Foto: © privat

Vorbildfunktion als Herzensanliegen

Seit Anfang 2021 ist ihre Identität als Frau formell durch Namens- und Personenstandsänderung besiegelt. Die gebürtige Schwarzwälderin möchte für andere ein Vorbild sein. Sie selbst wurde durch Vorbilder ermutigt. Bestärkt haben sie vor allem Tessa Ganserer, Grünen-Politikerin und Landtagsabgeordnete, Anastasia Biefang, Oberstleutnant bei der Bundeswehr, und Valerie Schnitzer, Lehrerin an einem Gymnasium. Sie hatten den Weg als trans Frauen bereits beschritten. „Wenn sie es schaffen, kann ich das auch“, war Vollmers Ansporn. Über ihre Transition, Veränderung und Mut spricht die kaufmännische Vorständin heute öffentlich. Sie nutzt ihre Sichtbarkeit, die sie durch ihren Beruf und ihre Geschichte hat. Anderen Kraft geben, ist ihr ein Herzensanliegen. Menschen soll es nicht gehen wie ihr, sich erst mit 40 Jahren oder später zu outen. Ihre Botschaft wird wahrgenommen. So nominierte eine Kollegin sie für Prout at Work, eine Initiative für mehr Chancengleichheit von Menschen der LGBTQI*-Community – also lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie queere Personen. Vollmer wurde als Prout-Performerin 2021 mit dem zweiten Platz ausgezeichnet.

In ihrer HR-Funktion versucht Vollmer auch in Sachen Vereinbarkeit von Frauen in Führung Einfluss zu nehmen. Den größten Nachholbedarf in der Arbeitswelt sieht sie darin, Vielfalt im Unternehmen genauso zu steuern, wie auch alles andere gesteuert wird. Sie führt ein Beispiel an: Wenn ein Betrieb ein Umsatzziel hat, kommen unterschiedliche Fachleute aus Vertrieb und Marketing an einen Tisch. Ein Maßnahmenplan wird erstellt, der regelmäßig zu überprüfen und zu hinterfragen ist. Die Verantwortlichen steuern bei Bedarf nach. Dieses Vorgehen erlebt sie beim Thema Diversity bisher noch nicht. Darüber hinaus kritisiert sie: „Manche Unternehmen flaggen Vielfalt einmal im Jahr mit Fahnen aus, machen auf Social Media tolle Stimmung, aber dann landet das Thema wieder elf Monate in der Mottenkiste.“ Das sei nicht aktives Steuern und verändere auch nichts. Wer wirklich eine Veränderung anstrebe, müsse Ziele setzen und diese mit Maßnahmen belegen. Sie ist sich bewusst, dass es für HR herausfordernd sein kann, Topmanagement oder die Geschäftsführung von dem Thema zu überzeugen. Aber die HR-Abteilung kann den Stein ins Rollen bringen, mit Studien aufwarten und die Vorteile zeigen, die Unternehmen auch in finanzieller Hinsicht durch mehr Diversität haben. Wenn der Maßnahmenkatalog einmal steht, muss HR darauf schauen, ob alle Verantwortlichen ihre Maßnahmen umsetzen, und dies kontinuierlich begleiten. Außerdem kann aus ihrer Sicht HR eine Bühne schaffen für Menschen, die authentisch darüber berichten.

Wohin die berufliche Reise von Vollmer nächstes Jahr gehen wird, steht noch nicht fest. Vermutlich werden Finanzen und Personalarbeit weiter eine Rolle spielen. „Das Controlling ist die Mitte des Sturms“, sagt die BWLerin. Man operiere am offenen Herzen und könne so direkt Einfluss nehmen. Seit Beginn ihrer Karriere liegt ihr das Berufsfeld der Finanzen. Bei HR gefällt ihr hingegen das Interagieren mit anderen. Dabei begeistert sie das tiefe Befassen mit Menschen – ob sich jemand für eine Rolle eignet, wie Talente vom Unternehmen zu überzeugen sind und wie sich das Beste in ihnen fördern lässt. Ihr eigentliches Steckenpferd ist das Recruiting: „Ich liebe es, Interviews zu führen und Menschen kennenzulernen.“ Sie pellt gerne die Zwiebel, wie sie es nennt, versucht in Gesprächen vom Äußeren zum Inneren einer Person vorzudringen. Das habe sie schon in früheren Führungspositionen weit vor ihrem HR-Job fasziniert. Im Dialog findet sie über ihr Gegenüber zwar viel heraus, gesteht aber ein, dass bei Entscheidungen auch ein Stück weit ihr Bauchgefühl eine Rolle spielt.