3 Fragen an… Anja Lüthy

27.08.2020  |  HRM-Online-Redaktion
Anja Lüthy, Professorin für die Schwerpunkte Dienstleistungsmanagement und -marketing am Fachbereich Wirtschaft der Technischen Hochschule Brandenburg
© privat

Social-Media-Recruiting führt in der Gesundheitsbranche immer noch ein Schattendasein. Professorin Anja Lüthy erklärt, warum das so ist.

Frau Prof. Lüthy, Sie beraten seit 20 Jahren Krankenhäuser und Universitätskliniken dabei, wie sie Nachwuchs rekrutieren können. Dabei plädieren Sie insbesondere dafür, verstärkt auf Social-Media-Recruiting zu setzen – warum ist das gerade für die Gesundheitsbranche so wichtig?
Anja Lüthy:
Die Gesundheitsbranche hat im Großen und Ganzen vier Berufsgruppen: Ärzte, Pflegende, Therapeuten und Verwaltungsmitarbeiter. Für alle Gruppen suchen Krankenhäuser auch in Corona-Zeiten im kompletten Bundesgebiet kontinuierlich neues Personal, da die Babyboomer nach und nach in den Ruhestand gehen. Spätestens im Jahr 2030 – so die Prognose – werden in Deutschland einige Millionen offene Stellen zu besetzen sein, tausende davon im Gesundheitswesen. Die Anzahl der zu pflegenden älteren Patienten steigt von Jahr zu Jahr an, Altenheime und Krankenhäuser suchen deshalb zunehmend mehr Personal.

Die jungen Leute, die heute auf Ausbildungsplatz- oder Stellensuche sind – egal in welcher Branche –, ticken digital und nutzen dabei Social Media, insbesondere Youtube, Instagram und Tiktok.

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Wenn ein Krankenhaus Nachwuchs sucht, muss es sich folglich auf diesen Kanälen als attraktiver Arbeitgeber vorstellen und dort seine Stellenanzeigen posten…
Ja, nur dann wird es überhaupt erst von jungen Leuten „richtig“ wahrgenommen. Printanzeigen sind völlig „old school“ und „out“. Die Generationen Y und Z spricht man an mit Videoclips bei Youtube – in denen Kolleg:innen und deren Vorgesetzte sich präsentieren und von ihren attraktiven Jobs erzählen –, mit lustigen Stories bei Instagram zum ausgeschriebenen Arbeitsplatz oder mit kurzen Tiktok-Filmen, die den Teamspirit widerspiegeln. Wenn dann die Möglichkeit besteht, sich sofort per One-Click, Selfie-Video-Sequenz oder sogar per Spracheingabe direkt von der Karriereseite aus zu bewerben, stehen die Chancen gut, dass auch die Gesundheitsbranche Bewerber:innen findet.

Und einige machen es auch bereits sehr gut: die Diakonie Deutschland, die Berliner DRK Kliniken, die Verkehrsbetriebe Zürich oder das Klinikum Dortmund haben zum Beispiel sehr ansprechende Karriereseiten, die auch in Punkto Soziale Medien vieles berücksichtigen, was junge Stellensuchende online vorfinden wollen.

Social-Media-Recruiting kostet Geld. Allerdings stehen die Krankenhäuser hierzulande wegen der Corona-Pandemie unter massivem finanziellem Druck. Zeigen sich Krankenhäuser deshalb so zurückhaltend bei der Investition in digitale Strategien?
Ich denke, dass sich Krankenhäuser und Unikliniken Social-Media-Recruiting schon leisten könnten, wenn sie wollten. Krankenhäuser sind aber eher recht konservativ geführte Unternehmen, in denen als Geschäftsführer „digitale Skeptiker“ der Babyboomer-Generation das Sagen haben. Diese Generation hat noch miterlebt, dass täglich unzählige Initiativbewerbungen von ganz alleine „eintrudelten“. Die Auffassung, dass sich auch Krankenhäuser im Zuge des demographischen Wandels über kreatives Employer Branding aktiv – und überwiegend auf Social-Media-Kanälen – um Nachwuchspersonal regelrecht bewerben müssen, setzt sich leider erst sehr langsam durch.

Für Berufseinsteiger:innen ist die Lage am Arbeitsmarkt derzeit schwierig, weil nur wenige Unternehmen Stellen ausschreiben. Was raten Sie ihnen?
Ich befürchte, dass sich für Berufseinsteiger:innen die Jobsuche in den nächsten ein bis zwei Jahren verlängern wird, weil Unternehmen aufgrund der massiven, pandemiebedingten Umsatzrückgänge weniger Mitarbeitende einstellen können. Deshalb gebe ich Berufseinsteigern den Tipp, sich – parallel zur Stellensuche – während der Wartezeit auf einen Job fortzubilden, insbesondere zu den Themengebieten „Remote Work“ und „Digitale Führung“.

Die Covid-19-Pandemie treibt die Digitalisierung in Unternehmen und das mobile Arbeiten vom Homeoffice aus massiv voran…
Darauf müssen sich ambitionierte Berufseinsteiger:innen einstellen. Sie haben aber während ihres Studiums – egal welche Fachrichtung sie studieren – oft (noch) nicht gelernt, wie das digitale Führen (auch „Remote-Führung“ genannt) von Mitarbeitern, die im Homeoffice arbeiten, gut funktioniert. Hier gibt es nun mehr und mehr Literatur, die sich mit dieser recht jungen Thematik beschäftigt. Außerdem sollten Berufseinsteiger:innen mindestens zwei oder drei Online-Kommunikationstools wie zum Beispiel Zoom, Slack, Microsoft Teams oder Skype for Business sehr gut beherrschen, wenn sie heute oder morgen in einem Unternehmen starten.

Nachdem heute sehr viele Anfang Zwanzigjährige bereits einen Bachelorabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen können, sind sie viele Jahre auf dem Arbeitsmarkt tätig. Das können gut und gerne 50 Jahre sein, wenn man von einem Renteneinstiegsalter von 70 Jahren im Jahr 2070 ausgeht. Bei diesen vielen Arbeitsjahren ist es sicherlich nicht so maßgeblich, ob jemand nun etwas mehr Zeit benötigt, einen passenden Job zu finden.

Sobald sich die Konjunktur nach Einführung eines Corona-Impfstoffes wieder erholt, werden sich die Zeiten der Jobsuche wieder verkürzen. Und ich bin optimistisch, denn im April und Mai 2020 ist die Anzahl der Stellenausschreibungen zwar im Hotel- und Gastronomiebereich um rund 40 Prozent zurückgegangen, nicht aber in der Gesundheits- oder IT-Branche. Alles in allem haben junge Menschen immer noch sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Prof. Dr. Anja Lüthy, Dipl. Psychologin und Diplom Kauffrau (FH), ist Professorin für die Schwerpunkte Dienstleistungsmanagement und -marketing am Fachbereich Wirtschaft der Technischen Hochschule Brandenburg. Sie arbeitet nebenberuflich als Speakerin und ist bundesweit als Trainerin und Coach in Gesundheits- und Sozialeinrichtungen tätig.