"Heute dominiert ein aufgehübschter New-Work-Begriff"

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Die Idee vom „neuen Arbeiten“ ist auf dem Vormarsch. Wie viel das, was wir heute unter New Work verstehen, mit dem Ursprungsgedanken zu tun hat und inwieweit er sich implementieren lässt.

Herr Väth, woher stammt eigentlich das Konzept New Work?

Markus Väth: Das ursprüngliche New-Work-Konzept wurde Anfang der 1980er in den USA von dem Philosophen Frithjof Bergmann entwickelt. Bergmann sah das System Lohnarbeit innerhalb des Kapitalismus sehr kritisch. Sein Ideal war, dass jeder Mensch eine Tätigkeit im Leben finden sollte, die er „wirklich, wirklich wolle“. Bezahlte Lohnarbeit sollte in dieser Utopie zum Nebenaspekt schrumpfen. Heute dominiert hingegen ein Management-orientierter, sehr verkürzter und aufgehübschter New-Work-Begriff. Bergmann nannte das kürzlich ironisch „Lohnarbeit im Minirock“.

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Wie verträglich ist das Konzept mit der Realität von zu erreichenden Umsatzzielen und Kostendruck?

MV: In seiner Reinform praktisch überhaupt nicht. Erstens plädierte Bergmann für eine „Ökonomie des minimalen Kaufens“ und für ein Ende der Wachstumsideologie. Zweitens lebt die klassische, Controlling- und kostenorientierte BWL, die ja immer noch Grundlage jeder Unternehmensführung ist, in einer völlig anderen Welt, als das humanistisch geprägte New Work. Deshalb versucht man in vielen Unternehmen heute die gutgemeinte Quadratur des Kreises, indem es innerhalb das Rahmens knallharter Kostenziele und Umsatzvorgaben so etwas wie Beteiligung oder Sinnfindung geben soll. In der Praxis sind das allerdings oft paradoxe Ziele, die ein Unternehmen schwer unter Stress setzen können. Ich persönlich bezweifle, ob New Work in unserer Wirtschaftswelt überhaupt umsetzbar ist. Man wird sehen.

New Work klingt chic und ist vornehmlich mit jungen Unternehmen assoziiert. Wie kann eine Personalabteilung das Konzept auch in traditionellen Konzernen implementieren?

MV: Wenn überhaupt, gelingt das durch eigenes Vorleben der HR-Abteilung als Role Model. Und über das Engagement einflussreicher Multiplikatoren und Entscheider. Aber gerade Konzerne verhalten sich oft wie Tanker: schwer in Gang zu bringen, schwer zu steuern, schwer zu stoppen. Da bleibt wenig Raum für Experimente oder Flexibilität. Mein Tip: Konsequente Kommunikation von New Work – Inhalten und Erfolgen, verknüpft mit „New Work zum Anfassen“. Nur was die Mitarbeiter an neuer Zusammenarbeit, Kreativität oder neuen Entscheidungsmodellen selbst erleben, hat eine Chance auf Akzeptanz und Verbreitung.

Über Markus Väth:

Markus Väth ist einer der bekanntesten New Work – Experten in Deutschland. Seit mehr als zwölf Jahren ist er als Coach und Berater für die verschiedensten Unternehmen in den Themen New Work, Führung und Kultur tätig. Darüber hinaus ist er mehrfacher Buchautor sowie Kolumnist und hat über mehr als hundert Fachartikel, Interviews sowie Radio- und TV-Features zu New Work verfasst.

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