Nachholbedarf bei der Digitalisierung in HR-Abteilungen

Eine Studie zeigt: Deutsche HR-Abteilungen sind durchaus offen für Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen. Umgesetzt wird das bisher aber wenig.
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Eine Studie zeigt: Deutsche HR-Abteilungen sind durchaus offen für Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen. Umgesetzt wird das bisher aber wenig.

Deutschland steht im Digitalisierungsstau – und daran hat sich auch trotz des vielbeschworenen Vorschubs durch Corona nichts geändert. Obwohl zu Hause gearbeitet, online unterrichtet und digital eingekauft wird, fällt die Bundesrepublik im weltweiten Wettbewerb zurück. Dem aktuellen Digital Riser Report zufolge hinkt Deutschland im Vergleich zu anderen Industrienationen sogar ziemlich dramatisch hinterher: Unter den G7-Staaten liegt Deutschland auf dem vorletzten Platz (-52 Ränge in den letzten drei Jahren). Und in der G20-Gruppe bildet Deutschland neben Italien und Indien eines der Schlusslichter.

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Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass auch deutsche HR-Abteilungen in Sachen Digitalisierung und Automatisierung Nachholbedarf haben. Das hat eine aktuelle Studie von Indeed unter 500 Firmen ergeben. Zwar erfolgen bei fast der Hälfte der Befragten HR-Abteilungen (48 Prozent) die Stellenausschreibungen digitalisiert, aber die wenigsten nutzen die volle Bandbreite digitaler Tools im Recruiting aus. So erfasst und überprüft nur jeweils ein Drittel automatisch Lebensläufe und Anschreiben oder führt Bewerbungsgespräche per Videokonferenz durch. Und nur bei 28 Prozent der Befragten findet regulär ein vergleichendes digitales Assessment der Kandidaten nach dem Gespräch statt. Bei über einem Viertel (27 Prozent) ist sogar bislang kein Teil des Bewerbungsprozesses digitalisiert. Eigentlich kaum vorstellbar, gerade in Zeiten einer Pandemie, aber offenbar wird dort zuweilen noch Zettelwirtschaft betrieben

Personalabteilungen sind offen für digitale Unterstützung

Folgt man dem oft wiederholten Mantra, dass qualifizierte Mitarbeiter:innen die wichtigste Ressource eines Unternehmens sind, dann sind diese Zahlen alarmierend. Wenn man dann noch den in vielen Branchen herrschenden Fachkräftemangel mit einbezieht sowie die Tatsache, dass in Deutschland offene Stellen im Schnitt 127 Tage unbesetzt bleiben, dann grenzen solche Ergebnisse an unternehmerische Verantwortungslosigkeit. Und es sieht ganz danach aus, als könne sich der Arbeitskräftemangel weiter zuspitzen. Laut Stellenangeboten auf Indeed haben Personalabteilungen zurzeit elf Prozent mehr Vakanzen zu besetzen als kurz vor Pandemiebeginn. Eine Verschärfung des Wettbewerbs um die besten Talente ist damit vorprogrammiert – und Personalabteilungen fehlen oft die Ressourcen, um hier zu punkten.

Am Mindset der HR-Verantwortlichen scheitert eine weitere Automatisierung ihrer täglichen Abläufe auf jeden Fall nicht. 67 Prozent stehen ihr offen gegenüber und versprechen sich damit vor allem mehr Zeit für ihre Kernaufgaben: Talentförderung, Potenzialentfaltung der Mitarbeitenden und der Einstellung geeigneter Bewerberinnen und Bewerber. Rund 40 Prozent erwarten vor allem Zeiteinsparungen bei der Planung und anschließenden Durchführung von Bewerbungsgesprächen, ein Drittel (31 Prozent) hätte gerne mehr Luft für die Interviews mit den Kandidat:innen, die laut Mehrheit der Befragten der zeitintensivste Part im Prozess sind. Nur knapp dahinter auf dem zweiten Platz liegt mit über 36 Prozent das Überprüfen und Evaluieren von Bewerbungen und Lebensläufen. Und genau an diesem Punkt lassen sich wirkungsvolle Hebel nutzen, um diese Zeitfresser zu eliminieren.

Positive Erfahrungen mit Digitalisierung auf Seiten der Bewerber:innen

Denn vor allem junge Jobsuchende haben digitale Bewerbungsprozesse längst verinnerlicht: Lebensläufe und Anschreiben werden überwiegend online eingereicht. Und alles, was in Form von Daten vorliegt, kann man mit den richtigen Tools auch erfassen und auswerten. Gerade das Überprüfen von Lebensläufen auf Passung zum Anforderungsprofil ist eine reine Fleißaufgabe, die von einem entsprechenden Programm übernommen werden kann. Leider aber dominieren in zu vielen HR-Abteilungen immer noch aufwändige manuelle Abläufe, die den gesamten Prozess verlangsamen.

Vorstellungsgespräche per Video: gekommen, um zu bleiben

Der wichtigste Part im Bewerbungsprozess aber ist und bleibt das Vorstellungsgespräch. War es vor Corona eher eine ungeliebte Notlösung, hat die Pandemie gezeigt, dass ein persönliches Treffen zwar schön, aber nicht unbedingt nötig ist – damit rücken Videointerviews verstärkt in den Fokus. Fast die Hälfte der Befragten in den HR-Abteilungen gibt an, dass sie den Zeit- und Logistikaufwand für Bewerbungsgespräche reduzieren; 40 Prozent halten sie für ein geeignetes Mittel, den gesamten Prozess zu beschleunigen. Jobsuchende sind dieser Option gegenüber ebenfalls aufgeschlossen: Auch von ihnen sagt rund die Hälfte, dass sie sowohl Reisezeit spart als auch den Einstellungsprozess beschleunigt. Wir sollten alle gemeinsam diesen Rückenwind für die Digitalisierung der HR nutzen, damit wir uns nicht länger mit lästiger Adminstration rumschlagen müssen, sondern uns um Menschen kümmern können und Zeit für Bewerbungsgespräche, Talentmanagement und die Förderung von Führungskräften haben.