Employer Blending – Ehrlich währt am längsten

Recruiting-Kolumne von Henner Knabenreich auf Human Resources Manager
Henner Knabenreich © Quadriga / Maria Navas Carrillo

Schönfärberei im Employer Branding ist ein Bumerang: Fachkräfte verlassen das Unternehmen schneller wieder als der Recruiting-Prozess gedauert hat.

Es ist schon faszinierend, irgendwie… Da lamentieren Unternehmen lauthals über den sogenannten Fachkräftemangel und tun nachweislich nichts oder nur wenig, um selbigem die Stirn zu bieten. Professionelles, strategisch betriebenes Recruiting? Fehlanzeige! Noch immer gibt es große Unternehmen, in denen Personalgewinnung „so nebenher“ erfolgt, in denen es nicht einmal eine Person gibt, die fürs Recruiting verantwortlich ist. Klar, das Tagesgeschäft mit all den administrativen Aufgaben ist ja auch ungleich wichtiger, als die richtigen Mitarbeitenden zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Weiterer Auswuchs dieser Problematik: Da kein professionelles Recruiting betrieben wird, werden Menschen eingestellt, die eigentlich gar nicht so richtig passen. Immer wird in Deutschland noch der Fokus auf die so genannten „Hard Skills“ gelegt, etwa Fachkenntnisse und Berufserfahrung, nicht aber auf Stärken und Potenziale. Und noch weniger auf die kulturelle Passung. Schnell nehmen, was der Markt hergibt, so die Devise. Auch die Bereitschaft, Menschen so zu entlohnen, wie es der Stelle beziehungs dem, was die Mitarbeitenden für den Unternehmens- oder gesamtgesellschaftlichen Erfolg beitragen, angemessen wäre, gibt es kaum. Dabei heißt es nicht ohne Grund: „If you pay peanuts, you get monkeys“. Wobei das Thema Gehaltstransparenz noch mal ein ganz anderes ist.

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Um dieser Misere etwas entgegenzusetzen und sich das Deckmäntelchen des Tuns überzuwerfen, setzen Unternehmen vermehrt auf das so genannte Employer Branding: Mit bunten Bildern und markigen Sprüchen wird versucht, potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzulocken. Meistens hat sich so etwas eine besonders kreative und innovative Agentur ausgedacht und die Maßnahmen beschränken sich auf die Außendarstellung. Oft ist HR der Treiber des Ganzen, gelegentlich auch die Unternehmenskommunikation und man übernimmt dankbar die nach eigenen Idealvorstellungen kreierte „Arbeitgebermarke“. Dumm nur, dass in den seltensten Fällen das Top-Management einbezogen wird, so dass das Ganze von oben mitgetragen und vorgelebt werden könnte. Der Fisch stinkt ja bekanntlich vom Kopfe. Dumm auch, dass man die negativen Dinge gerne verschweigt. Daher sind viele Employer-Branding-Bemühungen von vornherein zum Scheitern verurteilt) und verdienen den Namen „Employer Blending“ (im Sinne von Arbeitgeber-Blendwerk).

Und so handelt es sich bei vielen der getätigten Aussagen oft nur um (mehr oder minder) kreative Worthülsen. Dass gelogen wird, bis sich die Balken biegen, oder, um es etwas harmloser auszudrücken: Dinge bewusst schöngefärbt oder verschwiegen werden, ist allzu offensichtlich. So arbeitet man beispielsweise mit Stockbildern, die eine Realität vorgaukeln, die es gar nicht gibt und somit streng genommen sogar den Tatbestand der irreführenden Werbung erfüllen. Oder man verschweigt wohlweislich, dass es sich um Schicht- oder schwere körperliche Arbeit handelt, weil man ja potenzielle Bewerber vergraulen könnte und wundert sich dann, dass selbige spätestens bei Antritt des Jobs auf Nimmerwiedersehen sagen. Man gaukelt eine „New Work-Büroeinrichtung“ vor, die es gerade einmal in einem von 20 Büros gibt. Und so weiter. Und so fort.

Tatsächlich hat eine aktuelle Studie herausgefunden, dass im Recruiting bewusst gelogen wird. So geben beispielsweise nur 54,6 Prozent der Befragten an, dass die Aussagen des Ausbildungsmarketings bezüglich der Qualität der Ausbildung tatsächlich mit der Realität übereinstimmen. Bei den gebotenen Leistungen (Vergütung und so weiter) sind es immerhin 71,7 Prozent der Befragten, die ehrlich kommunizieren. Bleiben fast 30 Prozent, die bewusst lügen und sich dann wundern, warum eine Ausbildung abgebrochen wird.

Denn natürlich entpuppt sich eine solche Schönfärberei schnell als Bumerang. Dann nämlich, wenn die mittels hochglanzpolierten Employer Blendings herbeigeeilten Fachkräfte mit der Unternehmensrealität konfrontiert werden und feststellen, dass diese nichts mit den blumigen Versprechungen zu tun hat. Und in der Folge dem Unternehmen schneller Lebewohl sagen als der gesamte Recruiting-Prozess gedauert hatte. Nicht ohne eine entsprechende Bewertung in den einschlägigen Arbeitgeberbewertungsportalen oder Foren und natürlich im Bekanntenkreis zu hinterlassen. Mit weiteren schwerwiegenden Folgen, denn ist der Ruf als Arbeitgeber erst mal ruiniert, lebt es sich im Recruiting alles andere als ungeniert.

Mit einem vorausschauenden, mit ausreichend Budget ausgestattetem Recruiting, welches auf die Bedürfnisse und Erwartungen potenzieller Fachkräfte einzahlt und die adressiert, die zu Kultur und Werten des Unternehmens passen, würde das kaum passieren. Ehrlich währt am längsten, das gilt auch im Recruiting. Davon sind wir aber, so scheint es, Lichtjahre entfernt. Ein Blick auf die Karriereseiten und Stellenanzeigen der Republik spricht Bände. Nur gut, dass (wieder einmal) der Fachkräftemangel als Schwarzer Peter herhalten kann.

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It’s the Zielgruppe, stupid!