Eine Frage der Perspektive

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Foto: Thinkstock / muratsenel
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Ob Mitarbeiter Beschleuniger oder Bremse der digitalen Transformation sind, hängt maßgeblich von der Unternehmenskultur ab. HR kann hier als Inspirator wirken.

Digitale Transformation ist in aller Munde und verändert die HR. Dabei werden Personalprozesse effektiver, Personaladministration einfacher und HR-Analyse- und Planungstätigkeiten genauer, schneller und agiler. Die Verfügbarkeit und Nutzung von Daten wird zum Erfolgsfaktor.

Doch gesellschaftlich betrachtet ist Digitalisierung „Fluch und Segen“ zugleich – soziale Medien und Netzwerke wie kununu machen den HR-Abteilungen Stress: Plötzlich werden (Recruiting- und Entwicklungs-)Prozesse nach außen transparent gemacht und nicht nur von den Mitarbeitern, sondern auch von Externen öffentlich bewertet. Das setzt Personalabteilungen unter Druck und gibt Bewerbern und Mitarbeitern zugleich mehr Macht. Vor dem Hintergrund des „Wettbewerbs um Fachkräfte“, des „War for Talents“, erhält HR damit eine Außenwirkung, die businesskritisch ist.

HR muss schnell neue digitale Fähigkeiten entwickeln, um professionelles Social Media Management zu betreiben. Aber mit der digitalen Transformation „mithalten“ zu können, reicht lange nicht mehr. Der Anspruch sollte sein, sie mitzugestalten, sie im eigenen Unternehmen voranzutreiben und zu verankern. Eine schwierige Aufgabe für HR, aber wer sonst soll es machen?.

Digitalisierung auf Knopfdruck?

Drei Viertel aller Unternehmen geben an, ihr größtes Hindernis bei der digitalen Transformation seien die mangelnden Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter. Firmen in nahezu allen Branchen fehlen immer mehr geeignete Mitarbeiter, um die Möglichkeiten des technologischen Wandels nutzen zu können. Entsprechende Kompetenzen bei Mitarbeitern werden jedoch immer entscheidender für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Digitalisierungsspezialisten sind gefragt und hart umkämpft. Der Employment Deal muss stimmen, um die begehrten High Potentials für das eigene Unternehmen zu gewinnen. Doch sind die mangelnden Kenntnisse der Mitarbeiter das Problem oder muss einer erfolgreichen Digitalisierung ein Wechsel der Unternehmenskultur vorangehen?

Digitalisierung führt innerhalb des Marktes zu großen Veränderungen, bei denen Unternehmen auf die Kompetenz von Experten setzen sollten, um sich weiterhin erfolgreich zu platzieren. Doch längst durchdringt die Digitalisierung alle Bereiche des Unternehmens und betrifft alle Mitarbeiter. Naiv wäre es von Vorgesetzten zu glauben, dass sich Digitalisierung von oben herab anordnen oder durch einzelne „Digital Natives“ ins Unternehmen  transformieren lässt. So einfach ist das nicht, aber in vielen Fällen ein erster Schritt.

Eine weitere wichtige Ressource ist das im eigenen Unternehmen schon bestehende, aber brachliegende Potenzial. Ein Großteil der Mitarbeiter besitzt längst das „Grundset“ digitaler Kompetenzen durch die private Nutzung sozialer Medien à la Facebook und Twitter. Doch tun sich viele noch schwer damit, diese auch im Job anzuwenden und so eine neue Form der Transparenz und Flexibilität im beruflichen Umfeld zu schaffen. Die Gründe hierfür sind vielfach die strikte Trennung zwischen Beruf und Privatleben. Hinzu kommen die Sorgen, im Arbeitsumfeld zu viel von sich preiszugeben. Hier müssen Unternehmen ansetzen, um die bereits vorhandenen Kompetenzen, die im Unternehmen schlummern, optimal zu nutzen. Digitalisierung muss, damit sie eine Chance hat, für den Mitarbeiter attraktiv sein und spürbare Vorteile bringen.

Vorbild: Silicon Valley

Wie erfolgreich Unternehmen die tief greifenden Veränderungen umsetzen, hängt entscheidend davon ab, wie ihre Mitarbeiter diesen Weg mitgestalten. HR, Management und Mitarbeiter stehen gemeinsam vor einem Kulturwandel. Dazu sind Veränderungen im Rahmen des normativen Managements unabdingbar. Die digitale Transformation fängt zwar beim Vorstand an, aber hört dort längst nicht auf.

Die Mitarbeiter brauchen ein Umfeld, das sie dabei unterstützt, digitale Kompetenz einzusetzen. Dazu gehören nicht nur neue Technologien, sondern auch Vorgesetzte, die Freiraum geben und Transparenz sowie Offenheit fördern. Schaut man in Richtung Silicon Valley zu Facebook, Google und Co., so trifft man dort weder starre Regeln noch steifen gesellschaftlichen Umgang oder soziale Konventionen. Die Meister der Digitalisierung setzen darauf, dass Menschen so arbeiten dürfen, wie sie privat bereits leben. Das bedeutet: im ständigen Dialog, selbstbestimmt, ohne Bestrafung für Fehler und freundschaftlich verbunden mit dem Umfeld.

HR als Partner und Inspirator

Aber wie kann HR ihrer Aufgabe gerecht werden und die digitale Transformation unterstützen? HR muss Freiheiten schaffen und zugleich Spielregeln aufstellen. Sie muss Möglichkeiten entwickeln für Kommunikation und Wachstum und dies über die Entwicklung ihrer Führungskräfte in das Unternehmen tragen. Traditionell orientierte Mitarbeiter müssen zu mehr Selbstverantwortung angeleitet werden. Zum Beispiel könnten bestimmte Informationen nur noch digital zur Verfügung gestellt werden. Der Informationsfluss wird also von der Bringschuld in die Holschuld umgemünzt. HR muss diesen kulturellen Veränderungsprozess mit Change Management und Kommunikation unterstützen, um zu verhindern, dass wichtige Informationen dabei verloren gehen.

Die digitale Transformation ist deutlich schwieriger für solche Unternehmen umzusetzen, in denen heterogene Mitarbeitergruppen aufeinandertreffen. Das ist in den großen Traditionskonzernen häufig der Fall. Langjährige Mitarbeiter könnten hier den notwendigen digitalen Wandel blockieren, weil sie um ihren erarbeiteten Status bangen und Digitalisierung möglicherweise auch als Bedrohung ansehen. Sie fürchten vielleicht von jüngeren Kollegen verdrängt zu werden, die sich intuitiver in der digitalen Welt zurechtfinden können. Hier ist die HR gefragt, Widerstände aufzulösen und neue Wege aufzuzeigen. Dabei ist Fingerspitzengefühl erforderlich.

Doch es lohnt sich, die verschiedenen Hürden zu überwinden. Eine erfolgreiche digitale Transformation macht Unternehmen zukunftsfähig. Dank höherer Transparenz und Flexibilität entstehen so neue Formen der Arbeit und der Zusammenarbeit, tradierte zeitliche und räumliche Vorstellungen von der Arbeitserledigung verlieren an Bedeutung. Spannende Zeiten liegen vor uns – und das Business braucht uns mehr denn je als Partner und Inspirator.

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