Digitalisierung von Training: Sprint-Start aus Kinderschuhen

Die Corona-Krise zwang Unternehmen zum Umdenken: die digitale Transformation von Training ist nun dringend notwendig.
© gettyimages / francescoridolfi.com

Die Corona-Krise zwang Unternehmen zum Umdenken: die digitale Transformation von Training ist nun dringend notwendig. Vorbereitet war darauf kaum jemand.

Warum Wandel forcieren, wenn das Altbewährte doch hinreichend gut funktioniert und unnötige Ausgaben vermieden werden können? Dies war die Denke vieler deutschen Unternehmen, bevor eine unvorhergesehene Pandemie alle Planung überwarf, herkömmliche Strategien zunichte machte und den Arbeitsalltag vor komplett neue Herausforderungen stellte. Telearbeit und Remote Offices waren bisher eher verpönt, eine virtuelle Unternehmenskultur bei wenigen modernen Vorreitern etabliert und auch in Sache Weiterbildung setzte man lieber auf gutes, altes Präsenztraining statt in die Welt von EdTech (Educational Technology) vorzupreschen. Von einem Tag auf den anderen fiel der Startschuss zum Sprint in Richtung digitaler Transformation – und die meisten Organisationen sahen sich gezwungen, das Rennen noch in Kinderschuhen zu beginnen.

+++Sie bekommen von HR nicht genug? (heart) Dann melden Sie sich jetzt für unsere Newsletter an. Hier geht es zur Anmeldung!+++

Trainingsverzicht aus Unsicherheit kann Organisationen teuer zu stehen kommen

Besonders im Bereich Unternehmenstraining lag die Versuchung nahe erst einmal alles auf Eis zu legen, bis Präsenztraining wieder vor Ort stattfinden und man zum Gewohnten zurückkehren kann. Das Problem dabei: die neue Heimarbeit, allgemeine Unsicherheit, Krisenstimmung und auf einmal komplett virtuell stattfindende Meetings erfordern ganz neue Kompetenzen, sowohl bei Managern wie auch deren Teams. Die Schulung von Skills in Bereichen wie Stress Management, Change Management, Anpassungsfähigkeit und Effektivität in Telearbeit ist jetzt wichtiger denn je, und ein Trainingsverzicht könnte Unternehmen teuer zu stehen kommen. Bereits vor der Corona-Krise ermittelten Bersin & Associates in ihrem „Talent Management Fact Book“: Organisationen, die die Weiterbildung ihrer Angestellten nicht zur Priorität machen, verdienen pro Angestelltem im Schnitt 82.000 Dollar, während Unternehmen mit Fokus auf Training pro Angestelltem 169.100 Dollar und somit mehr als das Doppelte verdienen. Kostensparen und Abwarten – zu Beginn von Covid-19 eine verlockende Alternative – erwies sich demnach schnell als riskante Alternative, zumal die Rückkehr zu bewährten Methoden mit Fortschreiten der Pandemie und Diskussion um zweite Wellen immer unwahrscheinlicher wurde.

Soft Skills sind jetzt wichtiger als Hard Skills

Im Zuge zunehmenden Globalisierung und internationaler Vernetzung vieler Branchen werden Sprachschulungen – sowohl in Deutsch für Mitarbeiter aus dem Ausland, wie auch in den Weltsprachen Englisch, Spanisch, Französisch und asiatischen Sprachen wie Japanisch seit langem als wichtig erachtet und von Personalern sowie Verantwortlichen für Learning und Development gleichermaßen gefördert. Immer stärker automatisierte Prozesse machten zudem neue Hard Skills relevant, die bisher nicht zureichend in Universitäten gelehrt werden. Der Linkedin Learning Report 2020 listet als Top 5 technische Fähigkeiten Block Chain, Cloud Computing, analytisches Verständnis und KI sowie UX Design. Deren Schulung liegt demnach oftmals ebenso im Verantwortungsbereich der Arbeitgeber wie das Training der wichtigsten Soft Skills, zu denen laut Linkedin Kompetenzen wie Kreativität, Überzeugungskraft, Kollaboration, Anpassungsfähigkeit und, zum ersten Mal 2020, emotionale Intelligenz gehören. Laut dem gleichen Report halten Personalentscheider diese Soft Skills sogar für relevanter als rollenspezifische Hard Skills, um den Unternehmensbestand und -erfolg zu gewährleisten.

Training muss digital stattfinden können

Der Bedarf an Schulung ist nicht zu verleugnen und Unternehmen, die zu Beginn der Corona-Krise auf virtuelles Training umstellten oder den Sprung zu eLearning bereits davor gewagt hatten, besitzen jetzt einen deutlichen Vorteil.  Ergebnisse der WB-Monitor-Umfrage 2019 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. (DIE) zeigten: Bereits zum Zeitpunkt der Erhebung im Mai/Juli vergangenen Jahres nutzten 80 Prozent der Anbieter digitale Medien und Formate zur Unterstützung beziehungsweise als Ergänzung Ihres Präsenzunterrichts. 36 Prozent führten integriertes Lernen oder Blended Learning durch, also eine zielgerichtete Kombination aus Präsenz- und Online-Phasen, und 18 Prozent boten zum Zeitpunkt reine Online-Kurse an. Seit Beginn von Covid-19 beschleunigte sich der Trend zu digitalen Inhalten rapide. Große Universitäten wie Cambridge bieten bereits sämtliche ihrer Kurse online an, EdTech-Unternehmen ergänzen ihr Angebot um smarte, mobile Apps, wohlwissend, dass laut CNN-Prognose bereits 2025 geschätzte 75 Prozent der Internet-User weltweit nur noch per Smartphone aufs WWW zugreifen werden. Ein weiterer Branchentrend ist die Entwicklung schlauer Analytik-Tools, die Klarheit über die Rentabilität von Lernprogrammen schaffen.

E-Learning ist nicht die zweitbeste Alternative, sondern die beste Lösung

Da Skills- und Sprachtraining also unumgänglich ist, Face-to-Face Training jedoch nicht länger eine Option darstellt, gilt Digitales Lernen nicht länger als zweitbeste Lösung, sondern als Fortschrittlichste. Wenngleich sich viele Unternehmen zunächst notgedrungen und skeptisch darauf umstellten, konnten sie sich jetzt davon überzeugen, dass EdTech gar nicht so schlecht ist, im Gegenteil sogar etliche Vorteile gegenüber Präsenzschulungen bietet:

  1. Lernen ist jederzeit und überall möglich, sei es auf dem Desktop-Computer am Arbeitsplatz, auf dem Tablet oder Smartphone.
  2. Angestellte brauchen nicht länger feste Zeiten in ihrem Terminkalender für Schulungen blocken, die früher oftmals sogar nach Feierabend, im Büro oder an externen Locations stattfanden und extra Zeit und Transportkosten erfordern.
  3. Es kann bequem in kurzen Zeitinkrementen zwischen Meetings oder mobil auf dem Weg zur Arbeit oder zum nächsten Kundentermin gelernt werden. E-Learning lässt sich einfach in den Arbeitsalltag integrieren.
  4. Lernbegeisterung, -motivation und -konsistenz sind dadurch oftmals nicht nur höher, auch das Verfolgen von Anwesenheit, Lernfortschritt und die daraus resultierenden Kapitalrendite für Unternehmen sind aufgrund moderner Analytik-Tools deutlicher ersichtlich als bei traditionellen Schulungsprogrammen.
  5. Training kann individuell auf bestimmte Lernergruppen oder Positionen zugeschnitten werden, die an ganz unterschiedlichen Standorten gemeinsam in Gruppen zusammengefasst und trainiert werden können.

E-Learning ja – aber stets mit dem Lerner im Zentrum

So mancher Traditionalist und Skeptiker mag noch immer nicht überzeugt sein und die berechtige Frage aufwerfen: Was passiert im Rahmen der digitalen Transformation von Training mit menschlicher Interaktion? Die Geburt von „Blended Learning“ oder nun auch „Hybrid Learning“ richtete sich gegen die anfängliche Strategie, Unterricht ganz einfach elektronisch per standardisierten Online-Programmen abzuhalten. Das wenig beliebte und weitgehend ineffektive „Online Learning“ ist ein Ding der Vergangenheit, moderne EdTech-Anbieter setzen Ihren Focus auf einen Mix aus virtuellen, digitalen und Trainer geleiteten Inhalten, die neben der Interaktion mit einem persönlichen Lehrer per Web-Konferenz oder Skype oftmals auch „Social Learning“- Komponenten wie Gesprächsrunden oder virtuelle Kaffeetreffen umfassen. Inhalte werden auf reale Alltagssituationen, Industrien und positionsspezifische Sprach- und Skill-Kenntnisse zugeschnitten. Anbieter richtungsweisender Lösungen wissen: In der Krise wie auch in unserer digitalen Zukunft muss der Lerner selbst stets im Zentrum der Lernerfahrung bleiben

Eines hat die Corona-Krise bewiesen: Konsequentes berufliches Up- und Re-Skilling ist unumgänglich, und Kompetenzen, die gestern noch Erfolg garantierten, sind morgen womöglich schon nutzlos. Angestellte, auf einmal daheim an den Computer gefesselt und in ein neues, digitales Arbeitsumfeld gezwungen, wollen sich den neuen Herausforderungen gewachsen fühlen. Manager müssen in der Lage sein, der Unsicherheit, Frustration und Zukunftsangst in Ihren Teams entgegenzuwirken und mit starken Führungskompetenzen den Weg in die neue Normalität weisen. Kollaboration, Unternehmenskultur und Teammanagement müssen nun komplett neu erlernt werden. Statt am Trainingsbudget zu sparen, ist die Investition in Weiterbildung und in den Ausbau dieser Kompetenzen jetzt wichtiger denn je, um in der veränderten Welt konkurrenz- und handlungsfähig zu bleiben.