Das Geschlecht sitzt zwischen den Ohren

In ihrer Kolumne klärt Eva Voß von Ernst & Young auf, wie man das Thema Diversity authentisch im Unternehmen verankert.
© Quadriga / Maria Navas Carillo

Die Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt im Arbeitskontext beinhaltet auch, Pronomen und Anreden von geschlechterdiversen Mitarbeitenden zu respektieren.

1971, also vor genau 50 Jahren, wurde aus dem bundesrepublikanischen Amtsdeutsch das Wort „Fräulein“ gestrichen (in der DDR existierte es bis zu ihrem Zusammenbruch). Damit wurde der jahrzehntelangen Forderung von Frauen Rechnung getragen, sich nicht über den Beziehungsstatus zu einem Mann definieren zu lassen, waren Fräuleins doch als „ledig“ oder „kinderlos verwitwet“ markiert.

Was heute geradezu als altbacken oder rückständig wirkt und maximal noch nostalgisch in Schwarz-weiß-Filmen für Amüsement sorgt, musste gegen zähe Widerstände und teilweise abstruse Argumente erkämpft werden. So monierte etwa das Bundespostministerium, dass durch das Weglassen des „Fräuleins“ im amtlichen Schriftverkehr „nicht immer deutlich wird, ob die angeschriebene Person volljährig ist oder nicht.“ (was bei Männern offenbar kein Problem war).

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Heute befinden wir uns wieder an so einem Scheideweg in Sachen Fortschritt: Nachdem das Bundesverfassungsgericht 2017 urteilte, dass intergeschlechtliche Personen durch das bestehende Personenstandsgesetz diskriminiert werden, wurde selbiges um den Eintrag „divers“ ergänzt. Das bedeutet, dass beim Eintrag ins Personenstandsregister außer den Geschlechtern „männlich“ und „weiblich“ auch die Option „divers“ gewählt werden kann. Die so genannte „Dritte Option“ – nicht gleichzusetzen mit drittes Geschlecht! – ist ein wichtiger erster Schritt in der Anerkennung von Geschlechtervarianten. Allerdings beschränkt sich das Gesetz nur auf das biologische Geschlecht und lässt die geschlechtliche Identität, also das Geschlecht, dem sich ein Mensch zugehörig fühlt, außen vor. Die Nomenklatur des Lebens ist aber viel breiter, Geschlecht hängt nicht allein von körperlichen Geschlechtsmerkmalen ab (dazu lesenswert: Die Dritte Option). Milton Diamond, Professor für Anatomie und reproduktive Biologie prägte in diesem Zusammenhang den viel zitierten Ausspruch: „Das wichtigste Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren“.


Nicht-binär:

(Selbst-)Bezeichnung von Menschen, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich identifizieren, sich also außerhalb einer zweigeteilten (binären) Geschlechternorm verorten.

Dritte Option

Vor 2019 war ist in Personenstandsdokumenten lediglich möglich, neben der Angabe „männlich“  und weiblich“ den Eintrag zum Geschlecht offen zu lassen. Seitdem wurde durch Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Möglichkeit geschaffen, eine dritte Option anzugeben – nämlich „divers“. Grundsätzlich können alle Menschen ihren Eintrag zu divers ändern, sofern ein Attest vorgelegt werden kann, der eine „Variante der Geschlechtsentwicklung“ nachweist. Mit diesem Schritt sind allerdings bislang nur intergeschlechtliche Personen umfasst. Vielen Interessensverbänden geht es daher darum, diesen Eintrag auch allen nicht-binären Personen zur Verfügung zu stellen und damit auch die geschlechtliche Identität zu berücksichtigen.

Drittes Geschlecht

Die „Dritte Option“ wird fälschlicherweise oft synonym als „Drittes Geschlecht“ verwendet. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass neben „weiblich“ und „männlich“  eine weitere, dritte Geschlechtsausprägung anerkannt wird (nämlich intergeschlechtlich/divers). Allerdings ist Intersexualität als Sammelbegriff für eine Vielzahl biologischer Geschlechtsausprägungen zu verstehen. Die gedankliche Eingrenzung auf drei Geschlechter vernachlässigt nämlich die geschlechtliche Identität, also das Geschlecht, dem sich Menschen selbst zugehörig fühlen (z.B. nicht-binäre Menschen).


Einhergehend mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur geschlechtlichen Vielfalt, gilt es die positive Grundhaltung gegenüber pluralen Lebensrealitäten entsprechend auch auf die Kommunikation zu übertragen. Angefangen von geschlechtergerechter (Unternehmens-)Sprache bis hin zur persönlichen Anrede – online oder offline, beispielsweise in Befragungen, Mails, Anträgen, Formularen, Anmeldungen zu Tagungen und Konferenzen und so weiter.

Während es im englischsprachigen Raum schon länger etablierte Pronomen und Anreden jenseits der zweigeschlechtlichen Verortung Frau (sie) und Mann (er) gibt, bilden sich gerade im deutschsprachigen Raum unterschiedliche geschlechtsneutrale Optionen heraus, von denen sich tatsächlich momentan auch eher die englischen Varianten eingedeutscht am häufigsten in der Nutzung finden („they/them“).

Liste der abinären Pronomen und ihre Verwendung
Quelle: www.antidiskriminierungsstelle.de

Aber bei all den Varianten, woher weiß ich denn, wie eine Person, unabhängig, ob binär oder nicht-binär – angesprochen werden will? Die einfachste Antwort darauf: Einfach fragen – und dann merken, so wie wir es auch bei den unterschiedlichsten Namen machen. Auch dazu finden sich immer mehr gute Beispiele aus der Praxis, etwa ganz niederschwellig in E-Mail-Signaturen, so etwa

  • Wer sind Sie – und wenn ja, wie? Wir wollen’s wissen: Verraten Sie uns Ihre bevorzugte Anrede und Ihr Personalpronomen? Fein – und bis dahin bleiben wir bei der inklusiven Nennung von Vor- und Nachname. (Prout at Work)
  • Wie darf ich Sie in Zukunft korrekt ansprechen? Bei der Charta der Vielfalt bemühen wir uns, alle Menschen mit der von ihnen bevorzugten Anrede anzusprechen. Im ersten E-Mail-Kontakt benutzen wir daher zunächst die inklusive Anrede „Guten Tag Vorname und Name“. Wir freuen uns, wenn Sie uns mitteilen, wie wir Sie in Zukunft anschreiben dürfen. (Charta der Vielfalt)
  • Die Geschlechtsidentität von Menschen ist weder aus dem Aussehen noch aus dem Namen verlässlich abzuleiten. Gerne können Sie mir mitteilen, wie ich Sie ansprechen soll. (Universität zu Köln)

In den sozialen Medien ist ebenfalls schon länger die Möglichkeit gegeben, zwischen unterschiedlichen Selbstbezeichnungen zu wählen. So bietet Facebook seit etlichen Jahren eine Auswahl an über 60 Einträgen zur Beschreibung des eigenen Geschlechts, im Berufsnetzwerk Linkedin ist seit diesem Jahr die Anzeige von geschlechtsspezifischen Pronomen möglich. Geschlechterinklusiver Sprachgebrauch kann aber auch bedeuten, komplett auf Pronomen und Anreden etwa im Kontakt zu Kund:innen zu verzichten, indem einfach Vor- und gegebenenfalls Nachname verwendet werden.

So oder so, wenn wir in 50 Jahren auf den heutigen International Pronouns Day (dritter Mittwoch im Oktober) zurückblicken, was möchten wir, dass die Geschichtsschreibung dann über unseren Umgang miteinander heute sagt?

Weitere Beiträge aus der Kolumne:

Verbündete für Vielfalt – Allies for Inclusion

Kultur schlägt Obstkorb – Aufstieg sozialer Bedürfnisse

Diversity-Siegel: Alles nur Potemkinsche Dörfer?

Bad Hair Day: Wahr­nehmungs­verzerrungen im Homeoffice

Kann die das? Führung und Geschlecht

Mit gutem Beispiel voran: Inclusive Leadership

Nicht sicher: LGBT+ in der Arbeitswelt