Digital ist noch lange nicht normal!

Die digitale Transformation revolutioniert die Arbeitswelt und unser Leben mit hohem Tempo. Unser Bildungssystem hinkt dieser Entwicklung hinterher.
© picture alliance / ullstein bild; Alle sprechen von New Work, dabei brauchen wir vor allem ein New Learning. Unser hiesiges Bildungssystem steckt in puncto Digitalisierung noch in der Vergangenheit fest.

Die digitale Transformation revolutioniert die Arbeitswelt und unser Leben mit hohem Tempo. Unser Bildungssystem hinkt dieser Entwicklung hinterher. Dabei stehen notwendige Veränderungsprozesse an.

Deutschland liegt im internationalen Vergleich weit hinter Ländern wie Dänemark, Korea oder Singapur, was die Digitalisierung im Bildungsbereich betrifft – allen voran in den Schulen, gefolgt von den Hochschulen und weiteren Bildungseinrichtungen. Das war schon vor der Pandemie so, aber Corona hat es für alle in diesem Jahr einmal mehr deutlich gemacht.

Seit dem Frühjahr wurde viel experimentiert, als Schulen und Hochschulen über Nacht von Präsenz auf Distanz umsteigen mussten. Einiges ist gelungen, anderes hingegen nicht. Das liegt nicht nur an fehlender Technik, die Lücken offenbaren sich auch beim Wissen: Wie können wir in dieser ungewohnten Situation gut lernen? Wie im Homeoffice motiviert arbeiten? Smartphones, Videoanwendungen, Tools für kollaboratives Arbeiten, Lern-Apps – plötzlich waren sie notwendig, damit Unterricht und Arbeiten überhaupt stattfinden können. Fest steht, diese Entwicklungen werden sich nicht mehr zurückdrehen lassen.

HRM Neue Normalität

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Allerdings sollten wir über den sinnvollen Einsatz digitaler Medien und über die Themen Bildung und Lernen reden. Wir müssen uns mit neuen Formen des Lernens auf allen Ebenen vertraut machen. Auch Arbeiten und Lernen sind untrennbar miteinander verwoben. Neue Unternehmenskulturen und neue Arbeitskonzepte sind auf neue Lernkonzepte angewiesen: Agiles, kooperatives und vernetztes Arbeiten braucht agiles, kooperatives und vernetztes Lernen.

Als beispielsweise die Fernuniversität in Hagen vor mehr als 40 Jahren gegründet wurde, ist sie für ein neues Studienmodell eingetreten. Lehren und Lernen auf Distanz ist unsere Kernaufgabe. Wir haben rund 80.000 Studierende, für die wir andersartige Bildungskonzepte erproben und erforschen. Wie wollen, wie können, wie müssen wir künftig lernen? In einem Positionspapier, dem Hagener Manifest zu New Learning, haben einschlägige Forscherinnen und Forscher der Fernuniversität Ideen, Positionen und Antworten zu diesen Fragestellungen zusammengetragen, unterstützt von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Bildung und Wirtschaft wie der Publizistin und Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, dem Vorstandsmitglied der Bertelsmannstiftung Jörg Dräger und Verena Pausder, Young Global Leader des Weltwirtschaftsforums und Vorständin von „Digitale Bildung für Alle“, sowie Magdalena Rogl, Head of Digital Channels bei Microsoft.

Das Hagener Manifest zum Neuen Lernen formuliert in zwölf Thesen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für einen neuen Lernbegriff, der dem digitalen Wandel der Gesellschaft Rechnung trägt. New Learning stellt die Lernenden in den Mittelpunkt und befähigt sie, in ihrer digitalen Lebensrealität lebenslang zu lernen. Damit verbunden sind auch konkrete Forderungen an die Politik. Es erfordert aus unserer Sicht, über die Grenzen einzelner Institutionen und politischer Zuständigkeiten hinweg zu denken und zu handeln.


Das Hagener Manifest

Das Hagener Manifest zu New Learning entstand auf Initiative der Fernuniversität in einem gemeinschaftlichen Arbeitsprozess von 37 Bildungsexpertinnen und -experten aus ganz Deutschland. Die Autorinnen und Autoren wollen die bildungspolitische Debatte um neue Formen des Lernens in Zeiten der digitalen Transformation vorantreiben. Sie formulierten in zwölf Thesen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für einen neuen Lernbegriff, der dem digitalen Wandel der Gesellschaft Rechnung trägt. Bislang haben fast 1.000 Menschen das Manifest unterzeichnet. Die Fernuniversität in Hagen ist die einzige staatliche Fernuniversität im deutschsprachigen Raum und mit knapp 80.000 Studierenden die größte Hochschule Deutschlands. 80 Prozent der Studierenden stehen bereits im Beruf und meistern das Studium dank des Fernlehrsystems mit zahlreichen digitalen Medien.


Die Maxime lautet dabei, das Lernen zu den Lernenden zu bringen statt wie bisher die Menschen zu den Bildungsinstitutionen. Denn Menschen treffen mit ihren individuellen Fähigkeiten und Erwartungen in den Bildungsinstitutionen auf ein eher standardisiertes Lehrkonzept. Einige Kerngedanken des Manifests lauten daher: die Selbstbestimmtheit der Lernenden zu stärken und auf ihre individuellen Voraussetzungen zu fokussieren. Dazu müssen wir das Lernen so gestalten, dass Lernende selbst ihre Lernziele sowie die dazu passenden Lernaktivitäten festlegen. Die einen lernen gut mit einer Gruppe, andere besser allein. Die Nächsten lernen gut projektbezogen, andere besser aus dem Buch. New Learning Inklusion und Chancengerechtigkeit um, fördert Medienkompetenz und Data Literacy, also Kompetenz und Souveränität im Umgang mit Daten. Insgesamt Fähigkeiten, mit denen man den Wandel in der Arbeits- und Lebenswelt mitgestalten kann.

Rückenwind der Politik notwendig

Corona hat die Vorerkrankungen des Bildungssystems mehr als deutlich gemacht. Moderne Technologien sind nicht ein Zweck an sich, aber sie können ungemein zum besseren Lernen beitragen. Dazu ist nun aber auch ein kräftiger Rückenwind der Politik notwendig.

Zur Bewältigung der vor uns stehenden großen Transformationsprozesse müssen gesellschaftliche Lernprozesse auf vielen Ebenen gestaltet werden. Das ist keine Aufgabe, die man einzelnen Kultusministerien überlassen kann. Der deutsche Bildungsbereich ist fragmentiert, bürokratisiert, ungemein rechtlich reguliert, schwerfällig in der Governance und den Abstimmungsstrukturen. Daher ist Bildungspolitik selten ein Feld der schnellen Erfolge.

Das Thema Lernen rückt nun aber ins Zentrum der politischen Krisenbewältigungsmöglichkeiten. Daher braucht es einen Schulterschluss vieler politisch Handelnder und eine nationale Strategie des Lernens, die nicht allein auf Bildungs- und Schulressorts ruhen kann. Vielmehr ist die Unterstützung auch durch andere politische Bereiche notwendig, damit sie nicht im Klein-Klein der lange gewachsenen Strukturen, Mindsets, Haltungen und Steuerungsformen zerrieben wird. Bildungspolitik ist eine nationale Aufgabe.

New Learning in der Arbeitswelt

New Learning eröffnet auch Chancen für die Arbeitswelt: Die Möglichkeit und die Bereitschaft, lebenslang zu lernen, sind für das Gelingen dieser Transformationsprozesse wichtige Grundlagen. Es geht darum, konstruktiv und kooperativ miteinander zu lernen, um auch konstruktiv und kooperativ miteinander zu arbeiten – vom New Learning zu New Work und umgekehrt. New Learning befähigt dazu, den Wandel in Gesellschaft und Arbeitswelt zu verstehen und mitzugestalten. Es geht nicht darum, sich den technologischen und ökonomischen Anforderungen einfach anzupassen. Begleitendes Lernen bei Veränderungsprozessen zu ermöglichen, zu finanzieren, zu organisieren und zu evaluieren, wird heute für jeden Betrieb, jede Organisation zur zentralen Herausforderung, wenn sie nicht eines Tages in der Belanglosigkeit oder mit einem völlig veralteten Geschäftsmodell aufwachen möchten. Unternehmen, die sich auf den Weg gemacht haben, zeichnen sich dadurch aus, dass sie Personalentwicklung sehr ernst nehmen.

Freude am Lernen stärken

Grundsätzlich gilt: Wenn wir mehr Menschen zum lebenslangen Lernen bringen wollen, müssen wir ihre Bildungsmotivation und vor allem die Freude am Lernen stärken. Lernen zu den Lernenden bringen, Lernen zu gestalten und zu begleiten ist die vornehmste Führungsaufgabe, die professionellste Form, Veränderungsvorhaben umzusetzen. Es ist eine anstehende große politische Aufgabe und im globalen Wettbewerb die größte Chance, die Nase vorne zu behalten. Eine kräftige gesellschaftlich-politische Unterstützung des Lernens – durch Geld, Zeit, Anerkennung, Vorbilder und Auszeichnungen – mag ein Kraftakt und teuer sein. Noch teurer ist jedoch, es nicht zu tun.