Ein Jahr bedingungsloses Grundeinkommen

(c) gettyimages/Christoph Hetzmannseder
(c) gettyimages/Christoph Hetzmannseder

Kritiker verteufeln das bedingungslose Grundeinkommen. Sie fürchten das Ende der Arbeit. Befürworter sehen darin eine finanzielle und seelische Entlastung. Business Coach Jesta Phoenix hat ihren eigenen Blick auf das Thema: Sie hat ein Jahr lang 1.000 Euro pro Monat erhalten. Ohne dafür zu arbeiten. Eine Erfahrung, die sie jedem wünscht.

Normalerweise geht die Beraterin Jesta Phoenix gemeinsam mit Klienten in den Wald. Als Slow Business Coach hilft sie im Zeitalter der Achtsamkeit gestressten Kunden bei der Entschleunigung. Einmal im Monat läuft sie allein durch die Natur. So auch im April 2016, als sie wieder stundenlang zwischen den Bäumen entlangwandert. Dabei stellt sie sich die Fragen, die sie sonst ihren Kunden stellt: Wie soll es nächsten Monat weitergehen? Was willst du in deinem Job erreichen? Und vor allem: Welches Tempo tut dir gut? Sie steht auf einer kleinen Steinbrücke, als der Ton ihres Handys sie aus den Gedanken reißt. Ungläubig blickt sie auf das Display: Herzlichen Glückwunsch, du hast das bedingungslose Grundeinkommen gewonnen, steht sinngemäß in der Nachricht.

+++ Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Magazin Human Resources Manager. Eine Übersicht der Ausgaben erhalten Sie hier. +++

„So ist es eben manchmal“, erinnert sich die 41-Jährige. „Du machst einen Plan und dann kommt das Leben.“ Das bedingungslose Grundeinkommen bedeutet für sie 1.000 Euro jeden Monat zusätzlich. Ein Jahr lang. „Jetzt kann ich endlich machen, was ich will“, denkt sie damals.

Ich habe gedacht, das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Experiment, das sich um mich dreht. Das ist aber nicht so.

Diese Möglichkeit verdankt sie der Initiative „Mein Grundeinkommen“. Das Start-up wird 2014 gegründet. Per Crowdfunding sammeln die Initiatoren Geld, sobald 12.000 Euro zusammengekommen sind, wird ein bedingungsloses Grundeinkommen verlost. Mittlerweile haben 84.000 Menschen einen Geldbetrag gespendet. 139 Grundeinkommen wurden so bereits finanziert.

Die Idee stammt von Michael Bohmeyer. Er hat in seinem Leben schon einige  Start-ups gegründet. Nach mehreren Jahren zieht sich Bohmeyer schließlich aus dem aktiven Geschäft eines besonders erfolgreichen Start-ups zurück. Anteilseigner bleibt er dennoch und bezieht so einen monatlichen Gewinnanteil von circa 1.000 Euro. Ohne zu arbeiten. „Nach meinem Ausstieg bin ich erst einmal drei Monate in ein Loch gefallen. Denn es ist schwer, nicht zu arbeiten. Arbeit gibt Halt“, sagt er. Mit der Zeit stellt sich aber ein Gefühl der Sicherheit ein. „Mir wurde bewusst, dass ich einfach irgendetwas Neues ausprobieren kann und auch scheitern darf. Ich hatte ja nichts zu verlieren.“ Und dann kommt die Kreativität. „Ich hatte plötzlich total viele Ideen.“ Eine Erfahrung, die er auch gerne anderen ermöglichen möchte. So entsteht die Idee für „Mein Grundeinkommen“.

Eine künstliche Welt

Das bedingungslose Grundeinkommen ist – wie der Name sagt – bedingungslos und damit steuerfrei. Es ist egal, was der Gewinner verdient und was er mit dem Geld macht. Im Gegensatz zum Arbeitslosengeld II muss man sein Vermögen nicht offenlegen oder jede Stelle annehmen, die das Amt offeriert. Die Reaktionen der „Mein Grundeinkommen“-Gewinner sind laut dem Sprecher der Initiative, Christian Lichtenberg, durchweg positiv: „Alle sagen, dass sie sorgenfreier leben, besser schlafen und es ihnen gesundheitlich besser geht.“

Auch Jesta Phoenix macht diese Erfahrung. Doch jeden Monat das Grundeinkommen zu bekommen, ist auch eine Bürde. „Schließlich haben mir die Menschen ihr Vertrauen ausgesprochen: ‚Hier hast du jeden Monat 1.000 Euro. Mach etwas Gutes damit‘“, sagt Phoenix. Also entscheidet sie, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Ein Jahr lang bietet sie ihre Coaching-Angebote deswegen für einen offenen Preis an. Jeder, der kommt, zahlt, was er will.

Doch so einfach ist das nicht. Die frei wählbare Preispolitik wird zum Problem. So coacht sie eine Kundin, die ihr irgendwann erklärt, dass sie den Kopf nicht frei bekomme, weil sie die ganze Zeit überlegen müsse, was sie Phoenix bezahlen solle. Andere Kunden wollen keinen offenen Preis, sondern einfach bezahlen, was sie immer bezahlen. Und ein Kunde zahlt ihr nur sehr wenig: „Ich weiß, was er beruflich macht, und auch, was er verdient. Ich bin mir sicher, dass er mehr hätte zahlen können“, sagt sie. Ein Gedanke, der sie ärgere, da sie schließlich jedem freistellte, was er zahlen möchte. „Ich habe gedacht, das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Experiment, das sich um mich dreht. Das ist aber nicht so. Ich habe mich in einer künstlichen Welt bewegt und die anderen reingezogen. Das waren nach wie vor Menschen, die kein bedingungsloses Grundeinkommen hatten.“

Alternative zu Hartz IV?

In der Politik wird immer wieder diskutiert, das Grundeinkommen flächendeckend einzuführen. In Schleswig-Holstein ist ein Modellversuch sogar Bestandteil des Koalitionsvertrags zwischen Grünen, CDU und FDP. Auslöser der Diskussion ist die Digitalisierung der Arbeitswelt. Das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit prognostiziert: Bis zum Jahr 2025 fallen etwa 1,5 Millionen traditionelle Arbeitsplätze in Deutschland weg. Sie werden voraussichtlich zwar durch anspruchsvolle Computerbedienjobs ersetzt. Doch wer diese Arbeit nicht machen kann oder möchte, dem droht die Arbeitslosigkeit. Für diese Menschen muss eine Alternative her. Für den Testlauf in Schleswig-Holstein steht ein monatlicher Festbetrag von 1.000 Euro für jeden Erwerbsfähigen im Raum. Kinder sollen die Hälfte bekommen. Auch dieses Geld erhalten die Menschen bedingungslos. Hartz IV, Kindergeld und Bafög entfallen dann.

Laut einer Ipsos-Studie sehen viele Menschen in Deutschland die Idee positiv. Das Markt- und Meinungsforschungsinstitut fand heraus, dass jeder zweite Deutsche (52 Prozent) sich für die Einführung des Grundeinkommens ausspricht. Nur jeder Fünfte (22 Prozent) ist dagegen. Der Rest ist unentschieden.

Die Finanzierung ist kein Problem

Befürworter argumentieren, dass die Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens kein Problem sei. Schließlich gebe der Staat ohnehin jährlich 900 Milliarden Euro für Sozialausgaben aus. Dieses Geld müsse lediglich neu verteilt werden. Ein großer Behördenapparat, der bislang die sozialen Zuwendungen verwaltet, würde außerdem wegfallen und zusätzlich Kosten sparen. Und es gibt noch weitere Finanzierungvorschläge: Von dm-Gründer Götz Werner stammt die Idee, den Konsum stärker zu besteuern. Der Ökonom Thomas Straubhaar würde die Einkommen stärker belasten und das Grundeinkommen wie einen Freibetrag von der Steuerschuld abziehen. Wer kein Einkommen und deshalb keine Einkommenssteuerschuld hat, soll eine Gutschrift bekommen. Telekom-Chef Timotheus Höttges ist wiederum für eine stärkere Besteuerung jener Konzerne, die von der Digitalisierung besonders profitieren. Außerdem kursiert der Vorschlag, die Mehrwertsteuer anzuheben.

Auch wenn die Finanzierung möglich ist: Es gibt Kritiker, die das bedingungslose Grundeinkommen ablehnen. Ihr Hauptargument: Wenn jeder ein bedingungsloses Grundeinkommen erhält, würden vor allem Menschen mit geringem Einkommen nicht mehr arbeiten. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, ist einer dieser Skeptiker: Er sagt: „Die Maximen unserer Gesellschaft sind Leistungsgerechtigkeit und Fairness.“ Das bedingungslose Grundeinkommen sei jedoch unfair. „Das ist leistungsloses Einkommen, das durch die Besteuerung von Leistungseinkommen erst möglich wird. Und das ist ein Widerspruch in sich“, so Hüther. Zudem würde das Bürgergeld den Bundeshaushalt überfordern. „Es gibt viele gute Gründe für viele einzelne Sozialausgaben“, sagt der Direktor.

Frei von Existenzängsten

Jesta Phoenix kennt diese Kritik. Sie gehört dennoch zu den Befürwortern. „Das Problem unserer Gesellschaft ist, dass man schon mit dem Gefühl aufwächst, nur existieren zu dürfen, wenn man schuftet. Und ich meine wirklich schuftet. Denn nur dann verdient man genug Geld, um sich ein gutes Leben leisten zu können.“ Eine schlechte Voraussetzung, um produktiv zu sein und gesund zu bleiben. Würde für Grundsätzliches wie Wohnung und Essen gesorgt, hätten die Menschen den Kopf freier. „Dann kann man neu überlegen: Was macht einen darüber hinaus glücklich? Wie möchte man leben? Was möchte man für die Gesellschaft tun? Und wenn dann jemand damit zufrieden ist, den ganzen Tag in der Hängematte zu liegen und ein Buch zu lesen, ist das auch okay. Glück ist ansteckend. Damit trägt dieser Mensch auch etwas zum Wohl der Gemeinschaft bei.“

Den Kopf voller Existenzängste: Das ist etwas, das Jesta Phoenix kennt. Als sie das bedingungslose Grundeinkommen bekommt, ist das Gefühl schlagartig weg. Zumindest die ersten acht Monate. Dann wird ihr bewusst: Die Zeit mit den 1.000 zusätzlichen Euro im Monat ist endlich. „Dann bin ich morgens wieder mit diesem Angstgefühl aufgewacht. Ich habe mich gefragt: Was passiert danach? Verplempere ich gerade Geld, das ich besser hätte anlegen sollen?“ Angst sei auch das Grundthema vieler ihrer Klienten. „Meist kommen Menschen zu mir, die kurz vor dem Burn-out stehen. Oder die ihn hinter sich haben. Viele denken: Arbeit darf keinen Spaß machen. Arbeit muss wehtun.“ Dann fingen sie an, ihre Grenzen zu überschreiten. So bewegten sich die meisten wie in einem Hamsterrad. Immer schneller, die Existenzangst im Nacken, sagt Phoenix. Ein Prozess, der jeden an den Rand der Erschöpfung bringen muss.

Kinderbetreuung und die Pflege der Eltern fällt heute oft zusammen

Die Gesellschaft ist erschöpft. Das ist auch der Eindruck, den der Arbeitspsychologe Tim Hagemann hat. „Es gibt immer mehr schlecht bezahlte Jobs. Weder Männer noch Frauen wollen außerdem auf die Karriere verzichten. Und auch nicht auf die Familiengründung. Deshalb arbeiten Männer und Frauen immer mehr“, erläutert er. Hinzukomme: Während frühere Generationen ohne Probleme in den Vorruhestand gehen konnten, sei das heute kaum mehr möglich, ohne erhebliche finanzielle Einbußen hinnehmen zu müssen. Ein weiteres Problem: Die Bevölkerung bekomme immer später Kinder. Immer häufiger falle die Kinderbetreuung mit der Pflege der Eltern zusammen. „Diese familiäre Belastung gepaart mit Karrierestress macht den Menschen zu schaffen. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sich ausgelaugt fühlt“, so der Experte. Daher sei eine Auszeit wichtig, um wieder Kraft zu tanken. In der heutigen Arbeitswelt sei das allerdings bislang schwer umzusetzen.

Symptombehandlung

Ein zeitlich begrenztes bedingungsloses Grundeinkommen hält Hagemann für eine mögliche Variante, um sich eine Auszeit zu nehmen. „Möglich ist auch das Modell, ein Jahr Vollzeit zu arbeiten, aber nur die Hälfte des Gehalts zu bekommen. Dann nimmt man ein Jahr lang beispielsweise ein Sabbatical und erhält in dieser Zeit die andere Hälfte des Gehalts“, sagt der Arbeitspsychologe. In diesem Punkt hakt es allerdings noch bei der Umsetzung: Das Karriere-Netzwerk Xing hat eine Studie zu Sabbaticals durchgeführt. Dabei kam heraus: Jeder zehnte deutsche Arbeitnehmer hat bereits eine Auszeit genommen. Jeder Fünfte liebäugelt damit, hat seinen Wunsch aber bislang nicht umgesetzt.

Ein Sabbatical sei nicht mehr als eine „nette Idee“, findet indes Jesta Phoenix. „Das ist doch nur eine Symptombehandlung“, sagt sie. Viel wichtiger sei es, die Existenzangst zu bekämpfen, die tief in uns stecke. Dafür brauche es ein grundlegendes Umdenken. Insbesondere in der heutigen Zeit, in der vor allem geistige Arbeit gefordert sei. Man müsse ein gutes Grundgefühl bei der Arbeit haben, sonst bekomme man keine gute Ideen. „Unter Existenzangst machen wir zwar alles, aber gute Ideen lassen sich nicht erzwingen.“

Jeder möchte Teil der Gesellschaft sein

Könnte das bedingungslose Grundeinkommen diesen Druck nehmen? Arbeitspsychologe Hagemann sagt: „Nur auf den ersten Blick.“ Tatsächlich hätten Studien ergeben, dass die Lebenszufriedenheit an das Einkommen gekoppelt sei. Allerdings wirft er ein: „Nur bis zu einem etwas erhöhten Einkommen. Denn die Bewertung funktioniert über den Vergleich.“ Bekommt also jeder Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen, sinkt die Zufriedenheit. Der Arbeitspsychologe glaubt hingegen nicht, dass das bedingungslose Grundeinkommen die Lust zu arbeiten mindere, denn: „Der Mensch möchte das Gefühl haben, Teil der Gesellschaft zu sein.“ Jeder Mensch wolle einen Beitrag leisten. „Arbeit kann Menschen krank machen. Aber der Mensch braucht auch die Arbeit, um gesund zu bleiben.“ Untersuchungen hätten gezeigt, dass Stresswerte bei Langzeitarbeitslosen besonders hoch seien. Dieses Phänomen lasse sich nicht ausschließlich mit der finanziell prekären Situation erklären, so Hagemann.

Für Jesta Phoenix endete das bedingungslose Grundeinkommen im April 2017. Wie fühlt sie sich heute? „Ich bin wütend“, sagt sie. „Darauf, dass nicht jeder von uns dieses Grundeinkommen bekommt und frei von Existenzangst ist.“ Sie versucht sich an das Gefühl der Furchtlosigkeit zu erinnern. Immer wieder. Besonders während ihres monatlichen Spaziergangs, der sie noch immer zwischen Bäumen hindurch- und an Seen entlangführt. Zumindest die Natur ist bedingungslos schön.

Weiterbildungen zum Thema Work-Life-Balance und Lernen